Careum Fachportal

Careum Pflegesymposium 2018

14.06.2018, 0 Kommentare

Schritt für Schritt bei Übergängen begleiten, Brücken bauen und die Betroffenen in den Mittelpunkt des Handelns stellen. Mehr als 370 Pflegefachpersonen trafen sich zu diesen und weiteren Themen am 2. Pflegesymposium von Careum Weiterbildung am 12. Juni in Aarau. Ein Überblick.

Von Elke Steudter

Abb. 1: Teilnehmende am Careum Pflegesymposium 2018


Das Leben hält viele Übergänge bereit. Manche sind vorhersehbar, andere treten unvermittelt ein. Immer sind sie Herausforderung und Chance zugleich, wie Pasqualina Perrig-Chiello, emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie, darlegt. Für sie ist die Fähigkeit, sich selbst zu (er-)kennen eine wichtige Voraussetzung, um Übergänge bewältigen und förderlich zu gestalten. Für Fachpersonen, scheint dies zweifach zu gelten: sich selbst und den anderen, mit seinen Wünschen und Bedürfnissen auf dem Weg vom Alten zum Neuen zu (er-)kennen.

Abb.2: Prof. em. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello


Übergänge sind individuell und werfen Schatten

Heutzutage sind Übergänge sehr individuell. Viele Menschen können sich beispielsweise bewusst entscheiden, wann sie aus dem Beruf ausscheiden. Scheinbar alles ist möglich, nichts ist sicher. So stellen Übergänge auch hohe Anforderungen an die Selbststeuerkompetenz der Betroffenen. Denn Übergänge erfordern eine ständige Neudefinition des Selbst.

Frühe Übergänge wirken lange im Lebenslauf nach. Sie beeinflussen z. B. die Selbstwirksamkeit und die Erfolgs- oder Misserfolgserwartung. Noch ist nicht geklärt, ob dies durch den langandauernden Effekt des Übergangs oder durch eine Art Kettenreaktion zustande kommt. Übergänge bedeuten auch, dass man die Weichen neu stellen muss. Unabhängig davon, wann Übergänge geschehen – in Zeiten der Veränderung ist es wichtig, dass wenigstens eine Lebenszone stabil bleibt. Diese können das soziale Netz, die Lebensphilosophie, ein Ort oder bestimmte Dinge sein. Letztendlich kommt es aber immer darauf an, wie der Mensch mit Übergängen umgeht und welche Ressourcen er nutzen kann. Vor allem die Charakterstärken scheinen dabei eine wesentliche Rolle zu spielen.


Schritt für Schritt zum Ziel

Das der unbedingte Wille und ausgesprochenes Durchhaltevermögen zu den wichtigsten Faktoren gehören, um Übergänge erfolgreich zu bewältigen – dass weiss auch Daniel Albrecht. Der ehemalige Skirennfahrer berichtete sehr beeindruckend über die Zeit nach seinem schweren Skiunfall, der nun zehn Jahre zurückliegt.

Während seiner aktiven Zeit bewegt sich Daniel Albrecht gerne entlang der Grenzen des Möglichen. Vollständig von seinem Tun überzeugt, möchte er sein Potenzial voll entfalten können. Dies alles wird mit dem Unfall jäh in Frage gestellt. Alles muss er nach dem schweren Schädel-Hirn-Trauma wieder lernen. Da er alles vergessen hat, ist alles neu für ihn. Und wie er selbst sagt: «Wenn du nichts mehr weisst, stellst du auch keine Fragen.»

Abb. 3: Daniel Albrecht im Gespräch mit Ursula Röhl


Seine Leidenschaft, sein Selbstvertrauen und seine Durchsetzungskraft haben ihm in ein selbstständiges Leben zurück geholfen. Authentisch, sympathisch und humorvoll lässt er die Zuhörenden teilhaben an diesem Weg, der kein leichter war. Aber Aufgeben kam nicht in Frage. In der Rehabilitation hat er sich klare Ziele gesteckt, die seine Betreuer mitunter an den Rand der Verzweiflung gebracht haben, wie er schmunzelnd erzählt. Seine Maxime war und ist wohl bis heute: Wenn es so nicht klappt, nach anderen Möglichkeiten suchen, damit es klappt. Geholfen hat ihm wohl auch, dass er sich aus einem anderen Blickwinkel betrachtet hat, was ihm half, sich selbst zu erkennen. Die Gesundheitsfachpersonen hat er als Unterstützende und Beratende erlebt und wahrgenommen. Es sei aber wichtig, dass der Patient das Gefühl habe, verantwortlich für sein eigenes Handeln und damit aktiv beteiligt sein zu dürfen. Denn dies stärkt das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten – auch, um krisenhafte Übergänge zu meistern.


Neue Rolle der Patienten und Patientinnen

Schaut man die Bedeutung des Begriffs Patient nach, findet man «den Leidenden» oder «den Geduldigen». Letzteres war Daniel Albrecht nicht, wie er selbst sagt. Aber was bedeutet es heute, Patient zu sein? Welche Rolle ist damit verbunden, wie verändert sich das und wie kompetent kann man im Flügelhemd sein? Diesen Fragen ging Jörg Haslbeck, promovierter Gesundheitswissenschaftler und Leiter der Abteilung Nachsorge von Krebsliga Schweiz, nach.

Abb.4: Dr. Jörg Haslbeck


Patienten und Patientinnen nehmen heute verschiedene Rollen im Gesundheitswesen ein. Längst sind sie nicht ausschliesslich Empfänger/Empfängerinnen von Gesundheitsdienstleistungen. Und so sind Fachpersonen aufgefordert, den Patient, die Patientin aktiv am Behandlungsprozess zu beteiligen. Wie dies in der Praxis umgesetzt werden kann, hat die SAMW in einer Schrift zusammengefasst.

Eine moderne, digitalisierte Informationsgesellschaft befindet sich in einem gesundheitsbezogenen Übergang: von ausschliesslich durch Arzt/Spital erbrachte hin zu Gesundheitsdienstleistungen aus dem Netz und über Apps. Um solche Angebote nutzen zu können, müssen die User über eine entsprechende Gesundheitskompetenz verfügen. Das heisst, sie müssen in der Lage sein, die richtigen Informationen zu finden, sie zu verstehen, sie auf ihre Situation zu übertragen und umzusetzen. Die Aufgabe der Fachpersonen bestehen darin, die Patienten und Patientinnen darin zu unterstützen. Wie das aussehen kann, wurde im Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz Experten und Expertinnen für Deutschland zusammengestellt.


Case Management als wichtige Methode, Übergänge zu begleiten

Patienten und Patientinnen müssen Übergänge nicht alleine bewältigen. In Situationen von schwerer Krankheit oder in komplexen Gesundheitssituationen können Case Manager und Case Managerinnen die Betroffenen unterstützen und die richtigen Akteure zur richtigen Zeit am Prozess beteiligen, wie die Pflegefachfrau und Case Managerin Miriam Rittmann aufzeigte.

Abb. 5: Miriam Rittmann


Case Management versteht sich in verschiedenen Rollen, z. B. Support, Advocacy oder Gate Keeper. In der Fallsteuerung ist es wichtig zu wissen, welche Ziele der Betroffene und seine Angehörigen verfolgen, damit die richtigen Rollen eingenommen werden können. Damit dies wiederum möglich wird, muss die Case Management Person über verschiedene Schlüsselqualifikationen verfügen, wie sie das Netzwerk Case Management Schweiz aufführt. Aber trotz aller Rollen und Kompetenzen – ohne Beziehung funktioniert Case Management nicht. Daher sind der kontinuierliche Austausch und die gute Vernetzung unter Fachpersonen eine wichtige Voraussetzung, damit Betroffene und ihre Angehörigen sorgsam und professionell in den Übergängen begleitet werden können.


Menschen mit Demenz im Selbsterleben unterstützen

Übergänge sind für alle Menschen eine Herausforderungen. Wie mag es da Menschen gehen, die nur eingeschränkt oder nicht mehr auf ihre kognitiven Fähigkeiten zurückgreifen können? Diesem Aspekt ging der Psychiater Christoph Held in seinem Referat nach und zeigte wie es gelingen kann, Menschen mit Demenz in ihrem Selbsterleben zu unterstützen.

Abb. 6: Dr. med. Christoph Held


Viele Gründe führen dazu, dass Menschen mit Demenz ins Heim eintreten. Diese Gründe können in der Regel von aussen wahrgenommen werden. Wie stellt sich aber das körperlich-geistige Erleben als eigenes Erleben der Betroffenen in einem solchen Übergang dar? In der Demenz kommt es zu verschiedenen Veränderungen, z. B. in der Ich-Identität (ich bin), der Ich-Vitalität (ich lebe), Ich-Aktivität (ich tue). Wie aber können sich Menschen mit Demenz (er-)kennen, wenn sie nicht mehr wissen wer sie sind? Dies kann, so Christoph Held, durch eine an das veränderte Selbsterleben angepasste Kommunikation gelingen, indem beispielsweise Personalpronomen (du, ich, ihre, unsere) vermieden und Aufforderungen allgemein – und nicht personbezogen – formuliert werden. Nicht nur die Kommunikation muss angepasst werden, Christoph Held plädiert auch für einen Selbsterleben orientierten Umgang mit der Biografie und der Milieugestaltung.


Spitaleintritt und -austritt bei Menschen mit kognitiver Einschränkung

Das Spektrum, bei dem Übergänge eine Rolle spielen ist gross. Und so nahm die Tagung auch ein Thema auf, dass in der Pflege noch zu wenig beachtet wird: Menschen mit kognitiver Einschränkung, oft auch Menschen mit geistiger Behinderung genannt. Menschen mit kognitiven Einschränkungen haben einen erhöhten Unterstützungs- und Assistenzbedarf, wie Angela Grossmann, Pflegefachfrau und Sozialpädagogin verdeutlichte.

Abb. 7: Angela Grossmann


Dieser Bedarf besteht beispielsweise aufgrund einer verminderten Körperwahrnehmung, Anpassungs- und Kommunikationsfähigkeit. Fachpersonen in der Akutversorgung sind meist ungeübt im Umgang mit Menschen mit kognitiven Einschränkungen, sodass sich der Eintritt ins Spital oft für beide Seiten herausfordernd gestaltet. Die Menschen mit kognitiver Einschränkung erleben häufig vor allem Angst, in einer für sie fremden Umgebung, in der sie nicht verstehen und nicht verstanden werden. Auch hier spielt die angepasste Kommunikation, die mit Piktogrammen unterstützt wird, eine grosse Rolle.


Den letzten Übergang gut begleiten

Menschen am Lebensende werden im letzten Übergang meist palliativ begleitet. Wie es gelingt, dass die Menschen zuhause sterben können, berichtete der Geriater und Palliativmediziner Markus Minder exemplarisch von der Region Knonaueramt.

Abb. 8: Dr. med. Markus Minder


Zentral für die Begleitung des letzten Übergangs ist ein eingespieltes, regionales Netzwerk, das die sterbenden Menschen und ihre Angehörigen in ihren Wünschen und Bedürfnissen umfassend unterstützt und begleitet. Ausschlaggebend ist dabei, die 24-Stunden Erreichbarkeit von Fachpersonen, die vorausschauende Planung – auch in Bezug auf mögliche Notfallsituationen – und der regelmässige Austausch zwischen den Beteiligten.

Abb. 9: Nicolas Gehrig

Das die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod schon sehr früh einsetzen kann und soll, zeigte anschliessend der Betriebswirt und Pädagoge Nicolas Gehrig anhand des Dialog- und Serviceportals DeinAdieu.ch. Das kostenfrei nutzbare Portal transportiert das Thema Sterben in die Gesellschaft, indem es über Bereiche wie Testament & Vorsorge oder Bestattung informiert. Berichte, Interviews und verschiedene Tools bereiten das Thema ansprechend informativ auf.


Übergänge digital gestalten

Online-Serviceportale und Gesundheitsinformationen im Netz – verschiedene digitale Angebote zur Unterstützung von Übergängen könnten sich in den letzten Jahren etablieren. Welche Möglichkeiten die Telemedizin heute und zukünftig bereithält, zeigte die Ärztin Christiane Brockers.

Abb. 10: PD Dr. med. Christiane Brockers


Schon längst müssen sich Arzt/Ärztin und Patient/Patientin nicht mehr gegenüber sitzen, wenn es um Gesundheitsberatung geht. Per Telefon und Video, Internet und Telemonitoring können Fragen gestellt, Informationen recherchiert und Beratungen angeboten werden. Um diese Dienste nutzen zu können, ist auch hier Gesundheitskompetenz gefragt. Und die ist gemäss einer Umfrage bei über 50% der Schweizer Bevölkerung als problematisch bis unzureichend einzustufen.

Dennoch steigt die Nachfrage nach telemedizinischen Angeboten bzw. nach einer «Gesundheit per Mausklick».


Angehörige sind zentrale Stütze im Übergang

Angehörige haben eine wichtige Funktion bei der Gestaltung von Übergängen. Sie sind es vielfach, die Familien während Veränderungen stützen und sie hindurchführen. Und dabei benötigen auch sie Hilfe und Zuspruch. Dies verdeutlichte die promovierte Pflegewissenschaftlerin Iren Bischofberger am Ende der Tagung und verknüpfte dabei verschiedene Facetten des Tagungsthemas.

Abb. 11: Prof. Dr. Iren Bischofberger


Viele Dinge gelingen besser, wenn man sie regelmässig übt. Dies ist auch bei Übergängen so. In Fallbesprechungen und Supervisionen können Patientenverläufe besprochen und Übergänge reflektiert werden. Im Austausch kann erfahren werden, was gut gelungen ist und wo Hürden bestanden.

Die Begleitung im Übergang ähnelt einem Staffellauf. Dabei ist die Stabübergabe wichtigster und gleichzeitig heikelster Punkt im Gesamtablauf. Das problem- und nahtlose Anknüpfen in der Versorgung hilft, die Situationen der Angehörigen zu verbessern und sie in ihren verschiedenen Anliegen zu unterstützen. Beachtet werden soll dabei, dass die Sorge der Angehörigen sich nicht immer mit der Sorge der Betroffenen deckt. Nicht selten herrschen unterschiedliche Vorstellungen, welcher Unterstützungsbedarf nötig ist. Sorgfalt gebührt auch der Situation, in der Berufstätigkeit und Angehörigenpflege zusammenfallen. Denn beide Rollen müssen gut mit einander vereinbar sein. Auch darin können Angehörige von Fachpersonen überstützt werden.


Die Präsentationen der Tagung finden Sie hier.

 

Dr. phil. Elke Steudter | Pflegewissenschaftlerin | Careum Weiterbildung

 

 


Kommentare

Diskutieren Sie mit

Bitte folgenden Code im Feld eintragen: 06444
* = bitte ausfüllen