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Palliative Care – früher ist besser

22.05.2018, 0 Kommentare

Wann soll mit Palliative Care begonnen werden? Auch drei Jahre nach der Nationalen Palliative Care Strategie ist diese Frage eine grosse Herausforderung in und für die Praxis. Was man dazu wissen sollte lesen Sie hier.

Von Elke Steudter

Abb. 1: Palliative Care - Vieles möglich machen. (Bild: Martin Glauser, Broschüre Palliative Care PDF)

Trotz aller Leitlinien und Empfehlungen ist es immer noch schwierig zu erkennen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um mit Palliative Care zu beginnen. Bereits nach der Diagnose einer unheilbaren oder lebenslimitierenden Krankheit, bei der ersten Verschlimmerung und Zunahme der Symptome, dann, wenn die «normale» Versorgung nicht mehr erfolgreich ist? Schwierig abzuschätzen und individuell zu bestimmen – für eine gute Versorgung in allen Krankheitsphasen aber elementar.


Wann soll begonnen werden?

Im besten Fall wird Palliative Care früh in die kurativen Ansätze der Gesundheitsversorgung integriert, damit sich beide Aspekte sinnvoll ergänzen. Schon 2005 wurde dies auf einer Konferenz der amerikanischen National Hospice and Palliative Care Organization (NHPCO) diskutiert. Das bedeutet, dass beispielsweise nach einer Bauchoperation und der Diagnose einer fortgeschrittenen Tumorkrankheit ein Palliative Care Team schon im Spital in die chirurgisch-pflegerische Behandlung und die Planung des Procedere einbezogen werden kann. Die Idee ist, dass die Behandlung und Pflege übergeordnet über die aktuelle Situation hinaus gedacht und geplant wird. Dies setzt voraus, dass «über den eigenen Tellerrand» geschaut wird, dass man zu einer kollegialen, wertschätzenden, profession-, disziplin- und settingübergreifenden Zusammenarbeit bereit ist und die dafür nötigen Ressourcen (Zeit, Strukturen, Fachpersonen) verfügbar sind.


Was bewirkt ein früher Beginn?

Die frühe Integration einer auf die Lebensqualität – und nicht mehr ausschliesslich auf die Heilung – fokussierten Behandlung und Pflege wird als «early Palliative Care» bezeichnet. Seit einigen Jahren wird dazu vermehrt publiziert und die Auswirkungen dieses Vorgehen in verschiedenen Studien untersucht. Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2017 zeigt den Benefit einer frühen Palliative Care Behandlung für Erwachsene mit einer Krebserkrankung: Die Lebensqualität der betroffenen Menschen verbesserte sich leicht und die Symptome konnten gemildert werden. Die Autoren und Autorinnen des Reviews weisen darauf hin, dass die Qualität der Studien, die in der Übersicht berücksichtigt wurden, sehr unterschiedlich ist und dass mehr Forschung zum Thema nötig ist. Eine frühere deutsche Studie konnte zeigen, dass sich die Lebensqualität der erkrankten Personen und der pflegenden Angehörigen durch die frühe Integration des Palliative Care Ansatzes signifikant verbesserte und der Stress und die Belastungen für pflegende Angehörige signifikant abnahmen.
 

Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden?

Soll Palliative Care frühzeitig integrieret werden, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Dazu zählen unter anderem ein lückenloser Kommunikationsfluss zwischen allen Beteiligten (z. B. Hausarzt, Spitalärzte und -ärztinnen, Pflegende aus stationärem und ambulantem Setting), die zeitnahe Weitergabe und der barrierefreie Zugang zu allen relevanten Informationen im gesamten Krankheitsprozess. Dies wiederum bedingt eine professionsübergreifende Dokumentation.

Wichtig ist, dass der palliative Gedanke noch mehr als bisher auch im Spital Einzug hält, einem Ort, der mehrheitlich noch immer als primäre Institution der Heilung wahrgenommen wird. Aufgrund des steigenden Anteils von alten Menschen in der Gesellschaft werden auch im Krankenhaus immer mehr Menschen über 65 Jahre behandelt, die bereits an einer oder mehreren chronischen und somit unheilbaren Krankheiten leiden. Auf diese Entwicklungen sollte die akutstationäre Versorgung reagieren, damit die Situation nicht nur aus einer Perspektive, sondern übergeordnet und vorausschauend betrachtet wird. Neben dem veränderten Anteil alter Menschen werden im Krankenhaus darüber hinaus nicht selten lebenslimitierende Erkrankungen (z. B. maligne Tumore) diagnostiziert, die im Verlauf eine palliative Versorgung wahrscheinlich machen. Die Verantwortlichen sollten für diese Situationen sensibilisiert werden, damit der Austausch mit den Health Professionals der Palliative Care frühzeitig gesucht werden kann.


Was verhindert die frühe Integration von Palliative Care?

Trotz der Hinweise aus der Forschung fällt es der Praxis mitunter schwer, Palliative Care früh im Krankheitsprozess zu integrieren und zu schauen, welche Optionen für den individuellen Fall am besten geeignet sind. Dies kostet oft wertvolle Zeit und verursacht nicht selten vermeidbares Leiden bei Betroffenen und Angehörigen. Hawley (2017) führt als Gründe für einen späten Zugang zur Palliative Care beispielsweise auf, dass es als Versagen gewertet wird, wenn Behandelnde ein Palliative Care Team hinzuziehen oder dass die Vorteile einer frühen Integration von kurativem und palliativem Ansatz nicht bekannt sind. Auch hierarchische und finanzielle Strukturen sowie Kommunikationsmissverständnisse sind häufig dafür verantwortlich, dass schwer chronisch oder lebensbedrohlich erkrankten Menschen zu spät von Palliative Care profitieren.


Den Austausch suchen

Um Palliative Care frühzeitig anbieten zu können und die Situation für die Betroffenen und die Angehörigen erkennbar zu verbessern, müssen sich die Health Professionals austauschen. Fachbereiche, die auf den ersten Blick nur am Rand von Palliative Care betroffen sind, sollten von anderen Bereichen, in denen das Konzept bereits etabliert ist, lernen und von deren Erfahrung profitieren. Auch im palliativen Setting selbst muss das Wissen über die frühe Integration des Ansatzes weiter auf- und ausgebaut werden. Eine gute Gelegenheit dazu bietet die diesjährige Tagung von palliative.ch Sektion Zürich und Schaffhausen. Am 13. Juni 2018 findet diese im Alterszentrum in Hottingen, Zürich statt. Im Zentrum der Veranstaltung stehen die Selbstbestimmung und die Lebensqualität von schwer erkrankten Menschen und die Möglichkeiten der frühen Integration von Palliative Care.

 

Dr. phil. Elke Steudter | Pflegewissenschaftlerin | Careum Weiterbildung

 

Quellen

Cooney, G.A. (2005). Integrating Curative and Palliative Care: It can be done. Medscape.org

Groh, G., Vyhnalek, B., Feddersen, B., Führer, M. & Borasio, G.D. (2013). Effectiveness of a specialized outpatient palliative care service as experienced by patients and caregivers. Journal of palliative medicine, 2013, 848–856.

Haun, M.W. et al. (2017). Early Palliative Care for Adults with Advanced Cancer (Review). Cochrane Database of Systematic Reviews.

Hawley, P. (2017). Barriers to Accesss to Palliative Care. Palliative Care – Research and Treatment, 1–6.

Temel, J.S., Greer, J.A., Muzikansky, a., Gallagher, E.R., Admane, S., Jackson et al. (2010). Early palliative care for patients with metastatic non-small-cell lung cancer. The New England Journal of Medicine, 2010, 733–742.

 


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