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Selfcare für Pflegende

05.03.2021     Evelyn Kraft      2986 Views     0 Kommentare

Ständig für andere da zu sein, sich kümmern, pflegen, betreuen. Das kann auf Dauer dazu führen, dass man sich ausgelaugt und leer fühlt. Warum die Sorge um sich selbst wichtig ist, lesen Sie hier.

 

Foto 1: Regelmässig aus- und entspannen ist wichtig  (Quelle: visualhunt.com)

 


Auf den ersten Blick scheint Selbstfürsorge das Gegenteil der Fürsorge für Andere zu sein. Denn wer für sich selbst sorgt, der setzt sich selbst, das eigene Wohlergehen, die eigenen Bedürfnisse an erste Stelle. Selbstfürsorge heisst, sich selbst die Wertschätzung, Freundschaft und Zeit zuzugestehen, die wir auch Anderen geben. Wenn wir für uns selbst sorgen, so können wir besser für Andere sorgen. Auch Studien zeigen auf, dass Selbstfürsorge mit mehr Mitgefühl für Andere sowie besserer Resilienz, emotionaler Intelligenz und anderem positivem sozialen Verhalten zusammenhängt (Mills, Wand & Fraser, 2015). Weiter reduziert Selbstfürsorge das subjektive Stresserleben und verringert das Ausmass an Erschöpfung. Selbstfürsorge wirkt präventiv Burnout und Depression entgegen (Dahl, 2019). Wird Selbstfürsorge vernachlässigt, so können unter anderem Stresserleben und Erschöpfung Folgen davon sein. Im Extremfall können auch psychische oder psychosomatische Erkrankungen daraus resultieren (Dahl, 2019). Selbstfürsorge ist demzufolge essenziell für das eigene Wohlbefinden, notwendig um die eigene psychische und physische Gesundheit zu erhalten und das Fundament für eine gute Pflege.

 

Selbstfürsorge ist Haltung und Handlung
Selbstfürsorge setzt Selbst-Aufmerksamkeit und Selbst-Mitgefühl voraus. Mit der Selbst-Aufmerksamkeit ist gemeint, dass wir unser Inneres beobachten, ohne zu werten. Wir erkennen, was in uns passiert, welche Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken gerade in diesem Moment vorherrschen. Im Sinne eines achtsamen Umgangs mit sich selbst, werden die inneren Vorgänge nur beobachtet, nicht bewertet. Selbst-Mitgefühl meint eine wertschätzende, einfühlende und freundliche Haltung uns selbst gegenüber. Wir nehmen die Informationen aus unserem Innersten ernst und wir können uns selbst gegenüber Zuwendung, Trost und Verbundenheit empfinden (Brechbühl & Pfeifer-Burri, 2012).

Selbstfürsorge ist demnach die Fähigkeit, mit sich selbst gut umzugehen, gut zu sich zu sein, sich zu schützen und zu sich zu schauen. Das bedeutet, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und Belastungen richtig einzuschätzen. Dies ernst zu nehmen, dem eigenen Empfinden Wichtigkeit beimessen und sich vor Überforderung zu schützen oder sensibel für diese zu bleiben. Neben einem wertschätzenden und achtsamen Umgang mit sich selbst, gilt es jedoch auch, aktiv zum eigenen Wohlergehen beizutragen (Dahl, 2019).

Um eine Balance (wieder-) herzustellen, können entweder Anforderungen und Belastungen reduziert oder eigene Ressourcen genutzt werden, die das Wohlbefinden erhöhen. Was einem gut tut, ist dabei sehr individuell. Die Lebens- und Arbeitssituationen sowie die Personen an sich unterscheiden sich darin, was möglich ist und was ihnen guttut oder sie als hilfreich erleben. Deswegen kann auch keine allgemeingültige Empfehlung zur konkreten Ausgestaltung der Selbstfürsorge gegeben werden (Dahl, 2018). Selbstfürsorge-Strategien, die langfristig erfolgreich sind, werden erstens von einer akzeptierenden und wohlwollenden inneren Haltung getragen und zeichnen sich zweitens durch eine gute Balance zwischen Tun und Sein, Aktivierung und Entspannung, Zeit mit Anderen und Zeit für sich aus (Brechbühl & Pfeifer-Burri, 2012).

 

Foto 2: Kontakte pflegen ist Teil der Selbstfürsorge (Quelle: visualhunt.com)

 

Fünf Ebenen der Selbstfürsorge
Planen Sie regelmässig Zeit für selbstfürsorgliches Verhalten ein. Denn Selbstfürsorge ist kein Ziel, das irgendwann erreicht wird, sondern gibt uns Tag für Tag eine Richtung vor (Dahl, 2019). Selbstfürsorge kann bereits an grundlegenden Bedürfnissen ansetzen. Gerade unter den aktuellen extremen Bedingungen wird die Erfüllung dieser basalen Bedürfnisse gerne vernachlässigt. Es ist wichtig, auf deren Erfüllung zu achten. Dies beinhaltet, ausreichend Pausen zu nehmen, auf eine gesunde Ernährung zu achten, ausreichend zu schlafen und auch weiterhin körperlich aktiv zu sein (Dahl, 2019; Petzold, Plag & Ströhle, 2020).

Selbstfürsorgliches Verhalten setzt auf fünf verschiedenen Ebenen an. Körperliche Selbstfürsorge bedeutet, sich angemessen um den eigenen Körper zu kümmern. Dies kann durch das bewusste Einplanen von Pausen und Entspannungsphasen sowie Bewegung geschehen. Emotionale Selbstfürsorge bedeutet beispielsweise, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und zuzulassen oder sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Kognitive Selbstfürsorge meint, die eigenen Gedanken, Haltungen und Glaubenssätze bewusst wahrzunehmen, zu reflektieren und einen Umgang auch mit negativen Gedanken zu finden. Die soziale Selbstfürsorge zielt darauf ab, dass wertvolle und fördernde soziale Beziehungen aufgebaut und genutzt werden. Das kann auch bedeuten, etwas für den Teamgeist zu tun, Konflikte anzusprechen und sowohl Sorgen als auch erfreuliche Momente miteinander zu teilen. Spirituelle Selbstfürsorge heisst, die eigenen Werte zu leben, Dankbarkeit zu praktizieren oder Kreativität ausleben (Dahl, 2018). 

Selbstfürsorge bedeutet nicht zwangsläufig gravierende Veränderungen, sondern gelingt vielmehr in kleinen Schritten. Nichtsdestotrotz ist es wichtig anzuerkennen, dass manchmal auch grosse Veränderungen notwendig sind, um das eigene Wohlergehen sicherzustellen (Dahl, 2018).

 

Ausnahmesituation Covid-19
Gerade in der Zeit einer globalen Pandemie treten neben den allgemeinen Stressoren noch zusätzliche, pandemiespezifische Stressoren auf. Stress, Angst und psychischer Belastung sind dabei eine weitgehend normale Reaktion auf ein aussergewöhnliches Ereignis. Überforderung und heftige Emotionen sind Antworten auf diese Reize und bedeuten nicht, dass man den Anforderungen nicht gewachsen oder «schwach» ist. Es gibt generelle Stressoren, wie beispielsweise die Sorge, sich und andere zu infizieren, die Sorge um nahestehende Personen und die Fehlinterpretation von Symptomen anderer Erkrankungen. Diese stellen bereits eine erhöhte Belastung dar, doch für Gesundheitsfachpersonen kommen weitere Stressoren dazu. Beispielsweise die Stigmatisierung aufgrund des engen Kontakts zu Infizierten, Angst und Sorge um sich und andere aufgrund der erhöhten Ansteckungsgefahr im Beruf, die höhere Belastung durch strikte Sicherheitsmassnahmen, längere Arbeitszeiten und Konsequenzen daraus. Es bleibt weniger Zeit und Energie und dadurch ist es verlockend, die Selbstfürsorge in solchen Momenten zu vernachlässigen. Doch gerade jetzt und besonders für Gesundheitsfachpersonen ist Selbstfürsorge dringender notwendig denn je (Petzold, Plag & Ströhle, 2020).

Petzold, Plag und Ströhle (2020) haben einige grundlegende Empfehlungen für die Selbstfürsorge während einer Ausnahmesituation wie der aktuellen Pandemie zusammengestellt: Bewältigungsstrategien, die in früheren Krisen bei der Bewältigung geholfen haben, können reaktiviert werden, während dysfunktionale Strategien wie Rauchen, Alkohol- oder Substanzkonsum vermieden werden sollten. Der Austausch mit Kollegen und Kolleginnen hilft, psychische Belastungen zu reduzieren. Zudem ist das Gefühl, zu einem Team zu gehören und gemeinsam diese Krise zu bewältigen, sehr wohltuend. Die sozialen Kontakte sollten nicht nur im beruflichen, sondern auch im privaten Bereich aufrechterhalten werden, denn sie sind äusserst wichtig für den Erhalt der psychischen Gesundheit. Für diesen Kontakt kann auf das Telefon, Videokonferenztools oder ähnliches zurückgegriffen werden. Routinen geben ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit. Deswegen sollten bestehende Routinen aufrechterhalten oder neue etabliert werden.

 

Autorin
Evelyn Kraft ist Psychologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berner Fachhochschule.

Der vollständige Artikel von Evelyn Kraft ist erschienen in NOVAcura, 1(52), 25–28. Editorial und Inhalt des Heftes können über die Website des Hogrefe Verlags abgerufen werden.

 

Literatur
Dahl, C. (2018). Ein Plädoyer für mehr Selbstfürsorge. Prävention und Gesundheitsförderung13(2), 131–137.
Dahl, C. (2019). Warum es sich lohnt, gut für sich zu sorgen. Prävention und Gesundheitsförderung14(1), 69–78.
Kelbach, J. (2020). The ultimate Guide to Self-care for Nurses. Zugriff am 15. Dezember 2020. 
Mills, J., Wand, T. & Fraser, J. (2015). On self-compassion and self-care in nursing: Selfish or essential for compassionate care? (Guest Editorial). International journal of nursing studies52(4), 791–793.
Petzold, M. B., Plag, J. & Ströhle, A. (2020). Umgang mit psychischer Belastung bei Gesundheitsfachkräften im Rahmen der Covid-19-Pandemie. Der Nervenarzt, 1.


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