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Symptome mehrperspektivisch erfassen

09.02.2021     Elke Steudter     1617 Views     0 Kommentare

Symptome frühzeitig erkennen und soweit wie möglich lindern – eine zentrale Aufgabe der Pflege. Wie dabei alle Blickwinkel berücksichtigt werden können lesen Sie hier.

 

Foto 1: Auf Symptome achten und professionell handeln (Quelle: pixabay.com)

 

Die professionelle Pflege orientiert sich neben dem Empfehlungen der (Forschungs-) Literatur und der klinischen Erfahrung der Pflegenden auch an den Bedürfnissen und Wünschen der Patienten und Patientinnen. Dieses evidenzbasierte Vorgehen gilt auch für das pflegerische Symptommanagement (vgl. Bausewein & Rémi, 2019). Das sorgfältige Erfassen der Ist-Situation ist ein wichtiger Schritt, um den symptombezogenen Pflegeprozess zu initiieren. Dies geschieht im Assessment, das seit Jahrzehnten fester Bestandteil der professionellen Pflege ist. Neben der subjektiven Sicht der Betroffenen werden auch geeignete Assessmentinstrumente eingesetzt. Verfügen die Pflegefachpersonen darüber hinaus über eine Aus- oder Weiterbildung im Clinical Assessment können die beiden genannten Aspekte mit einer zielorientierten pflegerischen Körperuntersuchung verbunden werden und so zu mehr Handlungskompetenz führen (Steudter et al., 2013). Neben den genannten Informationen wird mit dem Pflegeassessment auch die Basis für die Beziehungsarbeit zwischen Pflegenden und Pflegebedürftigen gelegt (Stefan et al., 2006).

Strukturiert das Wichtige erheben
Da das Symptommanagement als wichtige Aufgabe der Pflege erkannt und breit akzeptiert ist, werden Symptome in den meisten Pflegesituationen im Spital, Heim und Spitex sorgfältig erhoben. Dabei steht meist die Intensität der Symptome im Vordergrund. Pflegende müssen wissen, wie stark die Schmerzen, die Atemnot oder die Übelkeit bei den Patient/innen ausgeprägt sind. Die Symptomstärke kann einfach und schnell mit den verschiedenen Skalen wie der nummerischen Ratingskala (NRS, von 0–10), der visuell-analogen Skala (VAS, anhand einer Farbskala von nicht vorhanden bis sehr stark ausgeprägt) oder mit der verbalen Ratingskala (VRS) erfasst werden. Ergänzend werden wichtige Informationen in der Pflegeanamnese erhoben, indem nach dem Zeitpunkt, der Dauer und den auslösenden Faktoren der Symptome gefragt wird (Brobst et al., 2007).

Symptome haben viele Facetten
In vielen pflegerischen Situationen genügen die Angaben nur zur Symptomstärke aber nicht. Beispielsweise sollten bei Patient/innen, Bewohner/innen und Klient/innen, die chronisch an den Symptomen leiden, mehrere Perspektiven für die professionelle Beurteilung der Situation berücksichtig werden. Denn in diesen Fällen ist es oft unmöglich, die Symptome ganz zu beheben. Zu diesen Perspektiven zählt beispielsweise, wie stark die Symptome die Aktivitäten der Betroffenen im täglichen Lebens beeinflussen oder gar verunmöglichen. Um dies zu erfassen, muss von einem eindimensionalen auf ein mehrdimensionales Assessmentinstrument gewechselt werden. Für die mehrperspektivische Erfassung chronischer Schmerzen hat sich der Brief Pain Inventory (BPI) bewährt. Leiden die Betroffenen beispielsweise an Fatigue, kann die Situation mit der Fatigue Skala (FAS) umfassender erhoben und beurteilt werden.

 

Foto 2: Eine Fatigue kann sehr belastend sein (Quelle: pixabay.com)

 

Subjektive Wahrnehmung und objektive Zeichen klug zusammenbringen
Das Symptommanagement basiert stets auf einer klugen Kombination der subjektiven Wahrnehmung der Betroffenen (aber auch der Angehörigen und der Pflegenden) und den objektiv beobachtbaren, sichtbaren Zeichen. Soll eine Patientensituation in Bezug auf bestehende Symptome ganzheitlich erfasst und eingeschätzt werden, kann das Modell des Symptommanagements nach Dodd und Mitarbeitenden (2001) helfen, diese in allen Anteilen zu beleuchten. Dazu gehört auch das Patientenerleben der Symptome, das von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird, wie dies das Modell von Armstrong (2003) verdeutlicht (vgl. Abbildung 1). Das Modell zeigt die Bedingungen, unter den Symptome erlebt werden und welche Konsequenzen dies im und für den weiteren Verlauf der Pflege und Behandlung haben kann.

Besonders herausfordernd gestaltet sich das Symptommanagement, wenn zwei oder mehrere Symptome gleichzeitig auftreten und zu einander in Abhängigkeit stehen. Diese sollten in ihrer Gesamtheit erfasst und als zusammengehörig verstanden werden. Denn nur so können deren Ätiologie bzw. deren verursachenden Faktoren erkannt und gezielte Behandlungsmassnahmen eingeleitet werden. Dies kann mittels sogenanntem Symptomcluster geschehen (siehe Kasten). Folgende Fragen können das Pflegeassessment dabei leiten: Treten die Symptome tatsächlich als Symptomkomplex auf oder sind sie unabhängig, aber zeitgleich präsent? Bedingen sich die Symptome gegenseitig und haben sie eine gemeinsame Ursache? Treten die Symptome tatsächlich als stabiles, wiederkehrendes Muster als Cluster auf? Diese wichtigen Fragen können wichtige Impulse liefern.

Abbildung 1: Einflussfaktoren im Symptomerleben (Armstrong, 2003; in: Steudter, 2020: 36; Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Friedrich Verlags, Hannover)

Das frühzeitige Erkennen, Interpretieren und ausreichende Behandeln vorhandener Symptome ist und bleibt eine zentrale Aufgabe der professionellen Pflegearbeit. Wenn im Zentrum der Pflege der betroffene Mensch steht, muss jedoch auch er auch in seinem (Symptom-) Erleben wahr- und ernstgenommen werden. Aktuell wird das in der deutschsprachigen Pflege noch zu wenig thematisiert. Die Modelle zum Symptommanagement und zum Symptomerleben können helfen, Situationen schnell und sicher zu strukturieren und in allen Dimensionen zu erfassen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass diese Modelle in der Pflege eingeführt und die Pflegenden im Umgang mit ihnen unterstützt werden.

 

Elke Steudter I Pflegewissenschaftlerin I Careum Weiterbildung, Aarau

 

Quellen

Armstrong, T.S. (2003). Symptoms Experience: A Concept Analysis. Oncol Nurs Forum, 30(4): 601–606.
Bausewein, C. & Rémi, C. (2019). Grundlagen des Symptommanagements. In: M.W. Schnell & C. Schulz-Quach (Hrsg.). Basiswissen Palliativmedizin. 3. Auflage, Heidelberg: Springer Verlag, 33–42.
Brobst, R.A. et al. (2007). Der Pflegeprozess in der Praxis. (2. Aufl.), Bern : Huber Verlag.
Dodd, M., Janson, S., Facione, N., Faucett, J., Froelicher, E.S., Humphreys, J. & et al. (2001). Advancing the science of symptom management. Journal of Advanced Nursing, 33(5), 668–676.
Kim, H.J., McGuire, D.B., Tulman, L. & Barsevick, A.M. (2005). Symptom Clusters Concept Analysis and Clinical Implications for Cancer Nursing. Cancer Nursing, 28(4): 270–282.
Stefan, H., Ebert, J., Schalek, K., Streif, H. & Pointer, H. (2006). Praxishandbuch Pflegeprozess. Heidelberg: Springer Verlag.
Steudter, E. (2020). Symptomerleben – Symptommanagement umfassender denken. In: pflegen: palliativ, 11 (47), 34–36.
Steudter, E., Knüppel Launer, S., Piller, M.-T., Schrimpf, M. & Zweifel, A. (2013). Mehr Handlungskompetenz in der Pflege. SBK-Zeitschrift, 11: 28–30.
https://www.kalaidos-fh.ch/-/media/KFH2019/Dokumente/Forschung/Fachbereich-Gesundheit/CHG-Publikationen/2013/Steudter_2013_KlinischesAssessment.pdf?la=de-CH&hash=D5B12FC480DA063F7BEAC4AAFF9AADAC85EA1BC6.
 

*Der Beitrag lehnt sich an einen Artikel an, der 2020 in der Fachzeitschrift pflegen: palliativ Heft 47 im Friedrich Verlag, Hannover erschienen ist.


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