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Der interaktionsorientierte Ansatz zu Demenz

23.09.2020     Dr. Urs Kalbermatten     1743 Views     3 Kommentare

Die Situation von Menschen mit Demenz kann aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Urs Kalbermatten stellt im Folgenden einen noch wenig bekannten Ansatz vor.

 

Foto 1: Menschen mit Demenz und ihre Umwelt (Quelle: visualhunt.com)

 

Gegenwärtig wird das Thema Demenz in der Wissenschaft recht kritisch besprochen. Der bisherigen Lehrmeinung von klar unterscheidbaren Diagnosen von Demenzformen und deren Ursachen werden beispielsweise Forschungsergebnisse entgegengehalten, dass die Plaques im Gehirn nicht mehr als Ursache für Demenz gelten dürfen. Etwa gegen 50 verschiedene Krankheiten können ein dementielles Syndrom hervorrufen. Hüther (2017) staunt, wie lange noch an tradierten Annahmen über Demenz festgehalten wird, obwohl diese seit bald zwei Jahrzehnten widerlegt worden sind. Er schreibt, dass die bisher nachgewiesenen Abbauprozesse im Gehirn nicht die Ursache für die Herausbildung einer Demenz sind. Auch der Nutzen von Medikamenten wird hinterfragt, so dass aktuell grosse Pharmafirmen die Forschung nach einem Heilmittel eingestellt haben. Seit Kitwood (2008) wird der «personzentrierte» Ansatz am meisten in der Fachwelt referiert und in der Praxis angewendet. Angelangt bei der Fraglichkeit medizinisch-therapeutischer Behandlung bei Demenz sammelte ich in einer explorativen Studie mögliche weiterführende Erkenntnisse über die Lebensgestaltung bei Demenz im Alltag.

 

Die Situation von Menschen mit Demenz erforschen
Wir machten Beobachtungen von Menschen mit Demenz in interaktiven Alltagshandlungen und befragten über 200 professionell Betreuende. Daraus konnten folgende Erkenntnisse gewonnen werden:

a) Unterschiedliche Interaktionspartner können bei einem Menschen mit Demenz stark variierende Verhaltensweisen erzeugen. Sie zeigen beispielsweise starke emotionale Abwehr bei ihnen unangenehmen Angehörigen oder Pflegenden. Verschiedene Reaktionen können auch das Geschlecht, das Alter oder auch Berufskleidung der Interaktionspartner bewirken.

b) Verschiedene Personen begegnen demselben Menschen mit Demenz unterschiedlich.

c) Einige Personen, die wegen Demenz von keiner Person den Namen mehr kennen, können sich problemlos z.B. Hundenamen merken und die Hunde mit dem Namen ansprechen.

d) Eine Veränderung der Umgebung kann plötzlich andere Handlungsmuster (z. B. in einem Hotel normaler Gebrauch von Besteck, im Heim jedoch nicht) erscheinen lassen. Daraus lässt sich schliessen, dass sich die Erscheinungsform von Demenzmerkmalen in der Interaktion mit verschiedenen Personen, Tieren und Umwelten verändern kann. Folglich ist die soziale und ökologische Umwelt ein Koproduzent der Demenzerscheinung.

Diesem Befund können zwei weitere soziale Faktoren hinzugefügt werden. Menschen mit Demenz sind im Alltagshandeln meistens abhängig von Mitmenschen und dies mit zunehmender Demenz in stärkerem Masse. Weiter funktionieren Spiegelneurone selbst bei hoher Demenz und sind verantwortlich für die Übernahme von Emotionen und Stimmungen der Interaktionspartner, denen sie oft quasi ausgeliefert sind, da sie nicht aus der Beziehung ausbrechen können.

 

Bedeutung für die Praxis
Diese Sachverhalte leiten mich zur Aussage, dass für das Verständnis von Demenz nicht nur die Person mit Demenz, sondern auch ihre Interaktionspartner gleichwertig zu beachten sind. Mit weitgehend identischen Checklisten, die Kategorien wie sinnvolle Handlungen, Bedürfnisse, Emotionen, Erfahrungen u.a. enthalten, sind beide Interaktionspartner zu analysieren. Interventionen zur Verbesserung der Lebenssituation sind sinnvoll und angezeigt bei der Person mit Demenz, den Betreuenden (Pflegende, Angehörigen) und in der Interaktion zwischen ihnen. Nach unserer Meinung ist folglich ein konsequentes, interaktives Vorgehen als theoretische Grundhaltung und Arbeitsform einem personzentrierten Ansatz vorzuziehen.

Ein interaktionsorientierter Ansatz sollte speziell im Kontext der Demenz das Grundparadigma der Beratung und Betreuung sein, das von einer medizinisch-therapeutischen Haltung neu auf eine relationale, interaktive Ebene gesetzt wird. Wir sollten endlich in unseren Paradigmen die Person der Angehörigen, Betreuenden und Pflegenden in dieser Interaktion gebührend und gleichwertig ernst nehmen. Sie bringen sich nicht als neutrale Therapeuten und Therapeutinnen, sondern als Mitmenschen mit ihren Haltungen, Präferenzen, Erfahrungen, Emotionen, Belastungen, zeitlichen Möglichkeiten u.a. ein. Ihre Wirkung auf den Menschen mit Demenz und die Entwicklung der Demenz werden durch ihr Verhalten und ihre Ziele sehr stark beeinflusst und gesteuert. Eine kreative Lebensgestaltung, das Eröffnen von Handlungsspielräumen, eine ganzheitliche Förderung und das Entfalten von Potenzialen sind zentrale Elemente eines interaktionsorientierten Ansatzes.

 

Veranstaltungen zum Thema

Modul «Gerontologische Grundlagen»: Mehr Informationen finden Sie hier.

Impulstagung «Leitbildgestaltung für Institutionen im Altersbereich»: Mehr Informationen auf unserer Webseite.

 

Autor
Dr. Urs Kalbermatten, Gerontologe ¦ Dozent Careum Weiterbildung, Fachbereich Alter

 

Quellen
Hüther, G. (2017). Raus aus der Demenzfalle. München: Arkana Verlag

Kalbermatten, U. (2009). Demenz als soziale Konstrukt. Ein interaktionsorientierter Zugang zu demenzkranken Menschen. Sozialaktuell, 10, 30–31.

Kalbermatten, U. (2011). Interaktionsorientierter Zugang zur Demenz. Lebenswelt Heim. 51, 32–34.

Kitwood, T. (2008). Demenz. Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. 5. ergänzte Auflage. Bern: Huber Verlag.


Kommentare

Kathrin Hofer
Am 29.09.2020 veröffentlicht.

Ein ergotherapeutisches Assessment befasst sich mit Einflüssen des institutionellen Umfeldes auf Bewohner, nicht nur mit Demenz. Hier der Link dazu https://www.moho.uic.edu/productDetails.aspx?iid=5


Elke Steudter | Careum Weiterbildung Aarau
Am 29.09.2020 veröffentlicht.

Vielen Dank für Ihre Ergänzung. Dies zeigt, dass geriatrische Versorgung auch interprofessionell gedacht wird.


I. Fonés
Am 18.04.2021 veröffentlicht.

Guten Tag,

ich habe einen Blog geschrieben, der von Demenz-Erkrankung, genauer, von der Alzheimer-Krankheit meines Mannes handelt, von Veränderung, Verzweiflung und Hader, aber auch von Nähe und dem Erkennen, dass die Krise, in die wir gestürzt wurden, uns auf einen Weg gebracht hat, den wir als wahr empfinden.
Das klingt jetzt vielleicht verrückt, vor allem im Hinblick auf den Erkrankten selbst: Was soll ihm diese Krankheit noch bringen, da er ja ’seinen Verstand verliert‘? – Aber die Erfahrung und vor allem unsere Gespräche zeigen, dass er etwas gefunden hat, das über den Verstand hinausgeht, und das mehr ist, als das, was sein Selbst vor der Krankheit war. Falls Sie Interesse haben: meine Seite heisst

fragenzumleben.com

Mit herzlichen Grüssen
I. Fonés


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