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Hoffnung – eine Ressource und Kraftquelle in der Pflege

22.04.2020     Elke Steudter     1601 Views     0 Kommentare

Hoffnung zu haben kann Menschen helfen, Situationen der Krise und Herausforderung (besser) zu meistern. Was dies für den praktischen Pflegealltag bedeuten kann, lesen Sie hier.

Bild 1: Die Natur lässt jedes Frühjahr auf Neues hoffen (Quelle: Elke Steudter)


Hoffnung spielt nicht nur in der Theologie, in vielen Religionen und in der Philosophie eine bedeutsame Rolle, sie ist auch ein wichtiger Ansatzpunkt in der Pflege von kranken und alten Menschen. Inzwischen widmet sich daher auch die Pflegewissenschaft in verschiedenen Untersuchungen diesem – eigentlich nicht neuen – Phänomen, denn die Arbeit mit dem Konzept Hoffnung wird in der Praxis immer ernster genommen (Eisold et al., 2010; in: Pillar, 2012). Vor allem die Fachdisziplinen Palliative Care und onkologische Pflege wissen um die Relevanz, den Betroffenen neben den bestmöglichen pflegerischen und medizinischen Behandlungsoptionen auch Hoffnung zu geben. Um dies beispielsweise in der Onkologie zu unterstützen und weiter zu verbreiten wurde Anfang der 2000er Jahre die Hope Foundation gegründet, die inzwischen Mitglied der weltweit in über 170 Ländern engagierten Fachorganisation «Union for International Cancer Control – UICC» ist. Auch in der psychiatrischen Pflege stellt Hoffnung einen wichtigen Bestandteil dar, denn sie ist wichtiges Element des Recovery-Ansatzes (DGPPN, 2013). Im Moment erlangt Hoffnung aber nicht nur in Bezug auf Krankheit oder Sterben grosse Bedeutung – sie kann auch weitgehend selbstständigen oder gesunden Menschen helfen, Herausforderungen zu bewältigen und Krisen zu überstehen, wie sie beispielsweise durch die Corona-Pandemie entstehen können.

 

  

Bild 2: Hoffen finden (Quelle: Pixabay)


Hoffen, dass sich Wünsche in Zukunft erfüllen
Der Begriff «Hoffnung» ist komplex und wird vielseitig definiert. Alle Beschreibungen eint jedoch, dass Hoffnung etwas nach vorne, in die Zukunft Gerichtetes darstellt. Gleichwohl wird sie auch von den Erfahrungen und dem Bewältigungsverhalten der Vergangenheit und der Gegenwart beeinflusst. Hoffnung wird subjektiv empfunden, kann für jeden und jede Einzelne etwas anderes bedeuten und ist immer im Zusammenhang mit der aktuellen Lebenssituation zu betrachten. Hoffnung ist dabei zunächst ein recht abstrakter Begriff, der mehrere Dimensionen umfasst (Phillips-Salimi et al., 2007). Dazu zählen beispielsweise der Affekt, die Kognition und das Verhalten eines Menschen.

Obwohl Hoffnung für jedes Individuum und jede Gruppe etwas anderes bereit hält kann sie für die meisten Menschen eine Kraft- und Energiequelle sein, um krisenhafte Ereignisse besser zu bewältigen. Hier zeigt sich auch die gesundheitsbezogene Dimension (Salutogenese) von Hoffnung (Zegelin, 2020). Dabei ist sie vor allem ein nach innen gerichtetes Geschehen, das über die ausgesprochenen Erwartungen und Wünsche sowie die Hinwendung zu den Dingen und Ereignissen, auf die sich die Hoffnung beziehen (z. B. gesund zu werden, Familie wieder zu sehen, Prüfung bestehen), nach aussen sichtbar werden kann (Houldin, 2000; in Pillar, 2012). Hoffnung ist dabei eine wichtige und tragende Erfahrung, die mit einer individuell ausgestalteten Art des Fühlens, des Denkens und des Verhaltens der Menschen mit sich selbst und ihrer Umwelt zusammenhängt. Echte Hoffnung ist dabei anpassungsfähig und mit ihr kann immer wieder neu den herausfordernden Situationen begegnet werden (Zegelin, 2020). Das Wesentliche der Hoffnung zeigt sich auch darin, dass sie auch dann weiterbestehen kann, wenn die Erwartungen und die Wünsche sich – erst einmal – nicht erfüllt haben. Hoffnung ist also nicht primär ein erfolgsabhängiges Konzept, sondern kann an die jeweilig neue Situation angepasst und somit immer wieder neu hergestellt und empfunden werden (Farran et al., 1999; in: Pillar, 2012). Eine weitere Bedeutsamkeit der Hoffnung besteht darin, dass sie selbst über den Tod hinauswirkt, indem man auf ein gutes Leben nach dem Tod hoffen und so manche Situationen wahrscheinlich besser ertragen kann. Da Hoffnung auf verschiedenen Ebenen bei Menschen wirken kann, ist sie ein Ansatz, der auch in der täglichen Arbeit mit alten, kranken und/oder pflegebedürftigen Menschen eine wichtige Ressource darstellt, die im klinischen Alltag genutzt werden kann.

 

 

Bild 3: Den richtigen Weg finden (Quelle: Pixabay)


Hoffnungslosigkeit erkennen
Werden Wünsche und Erwartungen über einen bestimmten Zeitraum – der individuell sehr variabel sein kann – nicht erfüllt und wird keine Veränderung des Ist-Zustands herbeigeführt kann die Hoffnung schwinden und der Hoffnungslosigkeit Platz machen. Auch ständig wiederkehrende oder neu auftretende negative Lebenserfahrungen der Vergangenheit können dazu beitragen, dass sich bei Menschen Hoffnungslosigkeit einstellt. Sie zeigt damit – ebenso wie die Hoffnung – eine zeitlich-biografische Dimension (Farran et al., 1999; in: Pillar, 2012).

Die Ursachen, die zur Hoffnungslosigkeit führen können, sind zahlreich und reichen von Schmerzen, einem sich verschlechternder Allgemeinzustand und damit verbundenen steigendem Pflegedarf bis zu langfristigem Stress (vgl. Doenges et al., 2015). Diese Aspekte erschweren die Prävention und die Linderung von Hoffnungslosigkeit, weil viele der beeinflussenden Faktoren nicht gänzlich aufgehoben werden können.

Patienten, Klienten oder Bewohner, die an Hoffnungslosigkeit leiden, können sich klinisch unterschiedlich präsentieren. Die Verhaltensweisen können von Passivität, verminderte Affektivität, Schlafstörungen und/oder Appetitlosigkeit reichen. Viele dieser Symptome können auch andere körperliche oder psychische Ursachen haben, beispielsweise eine Anämie, eine Hypothyreose oder eine Depression (Doenges et al., 2015). Daher gestaltet sich der pflegediagnostische Prozess zum Erkennen der Hoffnungslosigkeit in der Praxis oft schwierig.


Hoffnung fördern
Hoffnungsvolle Menschen habe die Fähigkeit, sich auch an widrige Umstände anzupassen und Situationen in einem guten Sinne umzudeuten. Hier setzt das Konzept des Refraiming der Positiven Psychologie an (Rolfe, 2019). Hoffnungsvolle Menschen verfolgen Ziele, können mit Rückschlägen umgehen und kennen Alternativen, wenn Dinge nicht gleich im ersten Anlauf gelingen. Hoffnung kann auch durch die Einstellung weg vom «entweder – oder» hin zu einem «sowohl – als auch» gefördert werden. Damit Hoffnung wachsen und bestehen kann, sollten die Grundbedürfnisse erfüllt und bestehende Symptome (z. B. Schmerz, Atemnot) rechtzeitig und ausreichend gelindert werden (Zegelin, 2020). Mit einer hoffnungsvollen Herangehensweise können dann auch kleine Dinge positiv bewertet werden. Hoffnung entsteht also zunächst von innen heraus – sie wird aber auch massgeblich durch die Begegnung und die Beziehung zu Anderen getragen, z. B. zu Familienmitgliedern oder zu Freunden. Für viele Menschen stellt sich Hoffnung auch über die religiöse und/oder spirituelle Beziehung, z. B. zu Gott oder zur Natur ein. In Bezug auf Letzteres wird ja nicht umsonst Grün als die Farbe der Hoffnung bezeichnet (Zegelin, 2020). Wann immer möglich sollten solche Begegnungen, z. B. durch den Besuch eines Gottesdienstes oder durch einen Spaziergang, ermöglicht werden. Wenn dies durch bestehende Einschränkungen nicht möglich ist, kann nach Alternativen gesucht werden, z. B. den Gottesdienst im Fernsehen verfolgen oder der Natur durch Bücher oder Filme nahe sein. Nicht zu vernachlässigen ist auch die Beziehung der Menschen zu sich selbst, die als innere Kraft und Zuversicht, z. B. über das Kohärenzgefühl, empfunden werden kann Für eine gelingende hoffnungsorientierte Pflege ist es wichtig, dass die Hoffnungsquellen individuell in der Pflegedokumentation erfasst werden (Abt-Zegelin, 2009).

 

 

Foto 4: Hoffnung verbindet Menschen (Quelle: Pixabay)


Hoffnung verbindet 
Entscheidend für das Konzept Hoffnung in der professionellen Pflege ist vor allem die grosse Bedeutung, die Pflegende durch den nahen und kontinuierlichen Kontakt auf der Beziehungsebene für alte und/oder kranke Menschen haben – dies in besonderer Art und Weise in Einrichtungen der stationären oder ambulanten Langzeitpflege. Wollen Pflegende Hoffnung vermitteln und das Gefühl bei Anderen fördern, sollten sie eine wertschätzende und ehrliche Haltung leben und selbst hoffnungsvoll sein (Zegelin, 2020). Tragende Basis für ein hoffnungsvolles Miteinander zwischen Pflegenden, Patienten/Bewohnerinnen und Angehörigen ist dabei das gegenseitige Vertrauen, das diesen Pflegeansatz kennzeichnet. Damit auch in kleinen Dingen Freude und Zuversicht erlebt werden kann, sollten entsprechende Angebote in den Pflegealltag integriert und mit allen Sinnen wahrgenommen werden. Der Kreativität sind hier kaum Grenzen gesetzt. So hat die Stiftung Pflege.de in Zusammenarbeit mit der deutschen Pflegewissenschaftlerin Angelika Abt-Zegelin einen Hoffnungsspaziergang entwickelt, der in vielen deutschen Einrichtungen inzwischen fester Bestandteil des täglichen Miteinanders ist und zum Nachahmen anregt.

 

Elke Steudter ¦ Pflegewissenschaftlerin ¦ Careum Weiterbildung Aarau´

 

Quellenverzeichnis

Zegelin, A. (2020). Hoffnung unterstützen – eine wichtige Pflegeaufgabe. Die Schwester/Der Pfleger, 1: 4–7.

Abt-Zegelin, A. (2009). Hoffnung – Kraftquelle in schwierigen Zeiten. Die Schwester/Der Pfleger, 3: 290–294.

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde – DGPPN (2013). S-3 Leitlinie Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Krankheiten. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag.

Doenges M.E., Moorhouse, M.F. & Murr, A.C. (2015). Pflegediagnosen und Pflegemaßnahmen. 5. Auflage. Bern: Hogrefe Verlag.

Phillips-Salimi, C.R., Haase, J.E., Kintner, E.K., Monahan, P.O. & Azzouz, F. (2007). Psychometric Properties of the Herth Hope Index in Adolescents and Young Adults With Cancer. Journal of Nursing Measurement, 15 (1), 3–23.

Piller, I. (2012). Die Pflegekonzepte «Hoffnung» und «Hoffnungslosigkeit» im Akutspital. Diplomarbeit an der Universität Wien im Fach Pflegewissenschaft. Online hier.

Rolfe, M. (2019). Positive Psychologie und organisationale Resilienz. Stürmische Zeiten besser meistern. Heidelberg: Springer Verlag.


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