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Über Würde und Wert in der Palliative Care

03.03.2020     Elke Steudter     503 Views     0 Kommentare

Das Bedürfnis, selbstbestimmt und in Würde zu leben und zu sterben ist ein verständliches Anliegen vieler Menschen. Dies fordert nicht nur die Zivilgesellschaft, sondern auch Pflege und Medizin – insbesondere die Palliative Care – täglich heraus.

Abbildung 1: Wachsen und Reifen (Quelle: Visualhunt)


Selbstbestimmt das Leben bis zuletzt gestalten – ein Wunsch, der viele Menschen eint. Dabei darf es nicht nur ein Wunsch bleiben, Menschen haben ein Recht auf Selbstbestimmung und freie Willensäusserung, wie es bereits Anfang des 21. Jahrhunderts in den medizinisch-ethischen Grundsätzen der Schweizer Akademie der medizinischen Wissenschaften SAMW (2005) festgehalten wurde. Dies konsequent einzuhalten und zu akzeptieren berührt nicht nur die Zivilgesellschaft in verschiedenen Bereichen – es stellt insbesondere auch das Gesundheits- und Pflegewesen vor grosse Herausforderungen.

Selbstbestimmung und Würde

Beschäftigt man sich mit Selbstbestimmung, stösst man sehr schnell auch auf den Begriff der Menschenwürde. Zwei Konzepte, denen sich der Ethiker, Gerontologe und Theologe Dr. Heinz Rüegger im Zusammenhang mit Sterben und Tod schon seit vielen Jahren widmet. Der Ethiker Dr. Holger Baumann von der Universität Zürich hält fest, dass Menschenwürde nicht an Selbstbestimmung gekoppelt werden darf. Denn dies würde allen Menschen, die beispielsweise aufgrund von schwerer Krankheit, einem Unfall oder in der Sterbephase nicht willens- und urteilsfähig sind, die Würde absprechen.

Dignity Therapy – würdeorientierte Interventionen

Im Zusammenhang mit Würde hat die Dignity Therapy in den letzten Jahren stetig an Bedeutung gewonnen. Entwickelt von einer kanadischen Forschungsgruppe um den Psychiater Harvey M. Chochinov kann mit dieser psychotherapeutischen (Kurz-) Intervention die Würde von Patienten und Angehörigen gestärkt und darüber die Lebensqualität gefördert und verbessert werden (Chochinov et al., 2005). Aufgrund empirischer Daten entwickelten Chochinov und seine Mitarbeitenden zunächst ein Würde-Modell, das mehrere würdebewahrende Elemente aufnimmt und dass die Dignity Therapy stützt (Schramm et al. 2014).

 

Grafik 1: Würdemodell nach H. Chochinov (2002; in: Jenewein, o. J.)

 

Im Interview berichtet der Psychiater Harvey Chochinov was ihn bewogen hat, sich mit der Würde von Menschen in Palliative Care Situationen bzw. am Lebensende und im Sterben zu beschäftigen und wie er seinen Ansatz entwickelt hat.

In der Dignity Therapy begleitet die psychotherapeutische Fachperson schwerkranke und sterbende Menschen durch ein oder mehrere strukturierte Gespräche (siehe Kasten). In und mit diesen Gesprächen werden die würdebewahrenden Elemente des Modells aufgenommen. Die Fragen des Leitfadens eröffnen den Patienten und Patientinnen beispielsweise die Möglichkeit, im Gespräch und bei der Lebensrückschau, Stolz, Selbstbestimmtheit und Hoffnung zu erfahren.


 

Wert der Palliative Care

Der palliative Ansatz ist wichtig und wertvoll, um Menschen mit unheilbaren oder lebenslimitierenden Krankheiten und ihre An- und Zugehörigen in den verschiedenen Phasen zu begleiten. In vielen Untersuchungen konnten inzwischen die positiven Effekte auf bestehende Symptome oder das Belastungserleben gezeigt werden. Als besonders wertvoll erweist sich bis heute der ganzheitliche und interprofessionelle Ansatz, der so konsequent wie bei keinem anderen Behandlungs- und Pflegekonzept angestrebt wird. Und dennoch muss unter dem ökonomischen Druck und den begrenzten Ressourcen auch die Frage gestellt werden, was der Gesellschaft die Menschlichkeit in der Palliative Care wert ist.

Die diesjährige interprofessionelle Frühjahrstagung von palliative aargau am 12. März 2020 in Muri wollte sich diesem wichtigen Aspekt widmen. Angesichts der aktuellen Lage wird die Fachtagung nicht durchgeführt. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an palliative ch.

 

Elke Steudter ¦ Pflegewissenschaftlerin ¦ Careum Weiterbildung Aarau

 

Quellen

Chochinov, H.M. et al. (2011). The effect of dignity therapy on distress and end-of-life experience in terminally ill patients: a randomised controlled trial. Lancet Oncol.; 12(8): 753–762. doi:10.1016/S1470-2045(11)70153-X.

Chochinov, H.M. (2002). Dignity‐conserving care—a new model for palliative care. JAMA: the journal of the American Medical Association, 287(17), 2253‐2260.

Jenewein, J. (o. J.) Dignity Therapy – Eine kurze psychotherapeutische Intervention für Patienten am Lebensende und Angehörige.

SAMW (2005). Recht der Patientinnen und Patienten auf Selbstbestimmung. Medizinisch-ethische Grundsätze der SAMW. Basel.

Schramm, A., Berthold, D., Weber, M. & Gramm, J. (2014). Eine psychologische Kurzintervention zur Stärkung von Würde am Lebensende. Z Palliativmed, 99–101.


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