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Qualität und Patientensicherheit verbessern und üben

10.12.2019     Andrea Käppeli & Elke Steudter     763 Views     0 Kommentare

Der aktuelle Qualitätsbericht des Bundes zeigt, dass das Schweizer Gesundheitswesen verbesserungswürdig ist. Jede und Jeder kann dazu beitragen, dass sich die Sicherheit von pflegebedürftigen Menschen weiter verbessert. Und man kann es üben.

(Quelle: Visualhunt)

Der nationale Qualitätsbericht zeigt, dass über ein Fünftel der Menschen über 65 Jahre in der Schweiz potenziell inadäquat mit Medikamenten behandelt werden. Bei 8–15 Prozent der Patienten und Patientinnen im Spital tritt ein unerwünschter arzneibedingter Zwischenfall ein (Staines, 2019). Zahlen, die nachdenklich stimmen. Das gilt auch für den Bereich Infektionen und deren Verhinderung. In Pflegeheimen zeigt sich, dass sich bei etwas über fünf Prozent der Bewohner und Bewohnerinnen ein Harnwegsinfekt entwickelt. Und die Auswertung der letzten Händehygiene-Kampagne deckt auf, dass die Empfehlungen der best practice – wie sie beispielsweise die WHO (2009) herausgibt – lediglich in 53 Prozent der Fälle beachtet werden.
 

Fehlerquellen erkennen und beheben

Kranke und pflegebedürftige Menschen müssen darauf vertrauen können, dass sie nach aktuellen Empfehlungen und in guter Qualität medizinisch und pflegerisch behandelt werden. In der Schweiz gelingt dies meist gut. Dennoch – insgesamt zehn Prozent der Patienten und Patientinnen, die jährlich versorgt werden, erleiden einen behandlungsbedingten Schaden. Die Hälfte dieser Vorkommnisse wäre aber vermeidbar (Staines, 2019). Es gibt also auch in dem überwiegend gut funktionierenden Schweizer Gesundheitssystem Verbesserungspotenzial. Dies muss nicht nur im Hinblick auf das Wohlergehen der Behandelten, sondern auch der Kosten ein zentrales Anliegen aller Akteure sein. Die Empfehlungen zeigen, dass sich dies am ehesten auf mehrere Säulen abstützen sollte:

  • Struktur
  • Messung & Feedback
  • Schulung & Training
  • Kommunikation & Austausch
  • Ressourcen (Staines, 2019: 12)
     

Übung macht den Meister

Der Umgang mit Fehlern bzw. die Fehlerkultur muss sich also weiter verändern. Institutionen und Personal müssen vertieft für mögliche Fehler sensibilisiert und in deren Vermeidung geschult werden. Das Spital Muri hat dazu mit ihren regelmässigen Trainings im «Raum des Horrors» (Käppeli & Schmid, 2018) eine ganz besondere Vorgehensweise gewählt. Die Grundlage für die Trainingsidee in der Praxis bildete eine Forschungsarbeit von Farnam und Mitarbeitenden (2016). Die Erfahrungen im Spital Muri zeigen, dass die Trainings und das gemeinsame Lernen am Praxisfall das Fachpersonal sehr motiviert und die Aufmerksamkeit für Fehler in der Praxis steigert. Dabei muss betont werden, dass die Trainingseinheiten jeweils gut evaluiert und mit dem jeweiligen Team, das die Situation im «Raum des Horrors» bearbeitet hat, nachbesprochen werden muss.
 

Eine Vielzahl von Verbesserungsmöglichkeiten

Um die Qualität der Versorgung von kranken und pflegebedürftigen Menschen auch langfristig zu verbessern und zu sichern, sollten verschiedene Massnahmen ineinandergreifen. Diese Massnahmen fokussieren nicht nur auf die stationäre Akutversorgung, sondern lassen sich an allen Stellen des Gesundheitswesens überdenken.
 

Massnahmen zur Qualitätsverbesserung (modifiziert nach Staines, 2019)
 
  • Einbezug von Patienten und Patientinnen sowie ihren Betreuenden als Partner
  • Motivation und Unterstützung der Fachpersonen
  • Verbesserung und Nutzung der Fachinformationen
  • Unterstützung von Patienten/Patientinnen und Fachpersonen nach unerwünschten Ereignissen
  • Aus-, Weiter- und Fortbildung sowie Forschung zu Qualität und Sicherheit in Gesundheits- und Sozialwesen
  • Auf- und Ausbau der Rahmenbedingungen für eine sichere und hochwertige Gesundheitsversorgung
  • Nationale Programme, um die Patientenversorgung weiter zu verbessern
  • Führung, Steuerung und Regulierung der entsprechenden Massnahmen und Prozesse


Hindernisse aus dem Weg räumen

Trotz vieler Bemühungen liegen noch immer zu wenige bzw. zu wenig aussagekräftige Daten zur Qualität vor (Staines, 2019). Geltende Standards lassen sich jedoch in ihrer Wirksamkeit nur beurteilen, wenn das Ergebnis erfasst und systematisch aufbereitet wird. Qualität ist keine Einbahnstrasse und muss alle Akteure gleichmassen in die Verantwortung nehmen. Denn Jede und Jeder kann im eigenen Bereich dazu beitragen, dass beispielsweise die Qualitätsstandards allen im Team bekannt sind, klar kommuniziert und praktisch umgesetzt werden. Und das Projekt im Spital Muri zeigt eindrücklich, wie kreativ und erfolgreich man sich mit Fehlerkultur, Qualitätsverbesserung und Patientensicherheit auseinandersetzen kann.

 

Andrea Käppeli | MScN, Leiterin Praxisentwicklung Spital Muri; Leiterin BScN-Studiengang Careum Hochschule Gesundheit & Dozentin Careum Weiterbildung, Aarau
Dr. phil. Elke Steudter | Pflegewissenschaftlerin | Careum Weiterbildung, Aarau

 

Quellen

Farnan, J.M., Gaffney, S., Poston, J.T., Slawinski, K., Cappaert, M., Kamin, B. & Arora, V.M. (2016). Patient safety room of horrors: a novel method to assess medical students and entering residents' ability to identify hazards of hospitalisation., BMJ Qual Saf., 25(3): 153-8. doi: 10.1136/bmjqs-2015-004621.

Käppeli, A. (2019). Mittendrin statt nur dabei – neue Wege der Praxisentwicklung. Referat 19. Mai, SBK-Kongress, Basel.

Käppeli, A. & Schmid, M. (2018). Lustvoll lernen im «Raum des Horrors». Competence, Heft 1/2, 26–27.

Staines, A. (2019). Verbesserung der Qualität und Patientensicherheit des Schweizer Gesundheitswesens. Präsentation vom 8. November. Bern.

WHO (2009). WHO Guidelines on Hand Hygiene in Health Care. First Global Patient Safety Challenge – Clean Care is Safer Care. Geneva: World Health Organization.


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