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Es ist Zeit, über Bewegung zu sprechen

27.08.2019     Elke Steudter     698 Views     0 Kommentare

Was eigentlich selbstverständlich erscheint, gestaltet sich nicht immer einfach – das gilt auch für die Bewegung. Über ihre Bedeutung im Alltag und in der Pflege berichtet der folgende Beitrag.

Abbildung 1: Bewegung kann vielfältig gestaltet werden (Quelle: Photo Pixabay)

Bewegung begleitet den Menschen sein ganzes Leben. Zu Beginn mühsam erlernt, geniessen Kinder, Jugendliche und Erwachsene meist ihre mobile Unabhängigkeit und die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich aus eigner Kraft von A nach B bewegen können. Und obwohl das so ist, gilt der moderne Homo sapiens als Bewegungsmuffel, denn er sitzt zu viel und bewegt sich zu wenig. Die Auswirkungen der Bewegungsarmut sind fatal: Durch die unzureichende körperliche Aktivität fliesst das Blut im Körper langsamer und führt dem Gehirn daher weniger Sauerstoff zu. Die Folge – man fühlt sich müde, kann sich schlechter konzentrieren und arbeiten. Das Risiko für hohen Blutdruck und im Weiteren für Herz- und Gefässerkrankungen steigt bei Bewegungsmangel, wie die Eidgenössische Koordinationskommission für Arbeitssicherheit (EKAS, 2018) zeigt. Und so empfiehlt die WHO (2010) Erwachsenen mindestens 150 Minuten moderate Bewegung in der Woche. Um einen noch grösseren gesundheitlichen Nutzen zu erzielen, sollte man sich sogar 300 Minuten in der Woche moderat bewegen, d. h. spazieren gehen, Velofahren oder im Garten arbeiten. Diese Empfehlungen werden vom Schweizer Bundesamt für Sport unterstützt (SRF Video zum Thema Bewegung).

Bewegung in die Pflege bringen

Über mangelnde Bewegung können die meisten Pflegenden nun wahrlich nicht klagen. Viele Stunden auf den Beinen und mit schnellen Schritten von einer Tätigkeit zur nächsten gehört zum pflegerischen Alltag im Spital, im Heim und in der Spitex. Aber Bewegung ist nicht gleich Bewegung. Denn die sollte zur Entspannung beitragen und in einem anregenden Umfeld stattfinden. Und so sind auch Pflegende aufgerufen, sich in der Freizeit ausgleichend zum Beruf zu bewegen.
Und wie ist es um die Bewegung und Mobilität der kranken, alten und/oder pflegebedürftigen Menschen bestellt? Mit fortgeschrittenem Alter verändert sich die Fähigkeit uneingeschränkt körperlich aktiv zu sein. So zählen beispielswese Bewegungseinschränkungen durch Schmerzen in der Schulter zu den häufigsten Problemen bei alten Menschen (Rheumaliga Schweiz, 2016). Mit weitreichenden Folgen: Haushalt und Körperpflege können evtl. nur eingeschränkt bewältigt werden und Hilfe von aussen nötig machen. Die eingeschränkte Gehmobilität kann wiederum dazu führen, dass alte Menschen weniger Sozialkontakte pflegen und sich einsam fühlen. Nicht ohne Grund zählen die mobilitätsbezogenen Pflegediagnosen daher zu den häufigsten. Daraus ergibt sich für die Pflegenden in allen Settings der Auftrag, die Mobilität der Patient/innen, Bewohner/innen und Klient/innen zu erhalten und wenn möglich aktiv zu fördern.

No go`s der Bewegung

Die Bewegungsförderung nimmt einen hohen Stellenwert in der Pflege ein. Und gleichzeitig besteht bei Pflegenden ein unterschiedliches Verständnis darüber, wie und wann Mobilitätsförderung tatsächlich stattfindet (Smart et al., 2018). Damit dies noch besser als bisher in der Pflege umgesetzt werden kann, hat sich die Akademische Fachgesellschaft Gerontologie (AFG) in der Erarbeitung von pflegerischen «No go`s» auch diesem Thema gewidmet. Die vor dem Hintergrund der Choosing Wisely Initiative erarbeitete Empfehlung lautet: «Lass ältere Menschen nicht im Bett liegen oder nur im Stuhl sitzen» und «Vermeide bewegungseinschränkende Massnahmen bei älteren Menschen».

 

Choosing Wisely & Smarter Medicine

Die Initiative Choosing Wisely wurde vor einigen Jahren in den USA gegründet. Immer mehr Länder und Fachgesellschaften greifen den Gedanken der «smarter medicine» auf und plädieren für einen verantwortungsvollen Umgang im Hinblick auf eine mögliche medizinische Über-, aber auch Unterversorgung der Bevölkerung (YouTube Video zu Choosing Wisely & Smarter Medicine).

 

Um die pflegebedürftigen Menschen zur Bewegung zu motivieren empfiehlt sich, gemeinsam mit den Betroffenen einen Bewegungsplan zu entwickeln und anhand konkreten Bildern/Fotos mit den Patient/innen zu üben. Darüber hinaus sollte man den Patient/innen und ihren Angehörigen erklären, was Bewegung für die Lebensqualität bedeutet und welchen Einfluss sie auf die verschiedenen Bereiche des täglichen Lebens hat (Altherr, 2019).

Auch geistig beweglich bleiben

Aber nicht nur die körperliche Beweglichkeit ist wichtig, auch geistig rege zu sein, zahlt sich aus. Inzwischen konnte man einen Zusammenhang zwischen körperlicher und geistiger Beweglichkeit herstellen. So fördert die körperliche Fitness auch die kognitive Leistungsfähigkeit. Umgekehrt gilt es jedoch nicht. Wer sein Gehirn mit anregenden Themen und abwechselnden Reizen quasi auf Trab hält, kann (leider) nicht mit einem Effekt für Muskelkraft oder körperliche Leistungsfähigkeit rechnen. Dennoch: Auch beim Gehirn und seinen Fähigkeiten gilt der gleiche Grundsatz wie für die Muskeln: «use it or lose it» («Gebrauche es oder verliere es.»). Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind im Alltag vielfach geistig gefordert. Schule, Ausbildung, Studium und Beruf, Familie, Kindererziehung, Freunde und Hobbies: Jeder dieser Bereiche beinhaltet viele Herausforderungen, die kognitive Höchstleistungen erfordern. Wie aber ist bei alten Menschen, die beispielsweise alleine zuhause oder im Heim leben, darum bestellt. Welchen kognitiven Herausforderungen können sie sich stellen und damit die Leistungsfähigkeit des Gehirns im Alltag trainieren? Inzwischen gibt es viele Anregungen für sinnvolle Beschäftigungen und Spiele für alte Menschen. Weil man aber gar nicht früh genug beginnen kann, sich geistig fit und flexibel zu halten, kann auf spielerische Art und Weise versucht werden, kniffelige Aufgaben zu lösen, wie sie zum Beispiel auf der Webseite von Brain-fit angeboten werden. Probieren Sie es aus – es macht Spass und ist sehr kurzweilig.

So oder so: Bewegung – ob körperlich oder geistig – geschickt in den Alltag zu integrieren kann dabei unterstützen, auch langfristig die Fitness zu erhalten und so besser für die Herausforderungen des Alters gewappnet zu sein.

 

Dr. phil. Elke Steudter | Pflegewissenschaftlerin | Careum Weiterbildung

 

Quellen

Altherr, J. (2019). Alte Menschen & Bewegung: No-Go's und Do's in der Pflege. Workshop am APG-Forum, Stadt Spital Waid, 6. Juli 2019. Online verfügbar unter file:///D:/Downloads/Workshop%20No-Gos&Dos.pdf

EKAS (2018). Sitzen ist das neue Rauchen – Fünf einfache Tipps, um langes Sitzen zu vermeiden. Luzern.

Siddarth, P., Burggren, A.C., Eyre, H.A., Small, G.W. & Merrill, D.A. (2018). Sedentary behavior associated with reduced medial temporal lobe thickness in middle-aged and older adults. PLoS ONE, 13(4): e0195549. https://doi.org/10.1371/

Smart, D.A., Dermody, G., Coronado, M.E. & Wilson, M. (2018). Mobility Programs for the Hospitalized Older Adult: A Scoping Review, Gerontology & Geriatric Medicine, 4: 1–18.

Rheumaliga Schweiz (2016). Rund um die Schulter. Schmerzen verstehen und behandeln. Zürich.

WHO (2010). Global recommandations on physical activity for health. Geneva.


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