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Kommunikation im Pflegealltag – Wie werde ich verstanden?

14.06.2019, 0 Kommentare

Wie kommuniziert man eigentlich richtig mit pflegebedürftigen Personen? Kommunikation mit Patientinnen und Patienten hat viele Dimensionen und entscheidende Auswirkungen. Auf was man achten sollte lesen Sie hier.

Von Maria Heinlein

(Quelle: Photo on Visualhunt)

 

«Alles was wir sind, sind wir in Kommunikation»

Dieses Zitat von Karl Jasper – einem renommierten deutschen Psychologen und Philosophen – bedarf nur wenig Ergänzung. Vor allem im Arbeitsalltag von Pflegefachpersonen stellt die kommunikative Kompetenz einen wichtigen und wesentlichen Bestandteil dar. Wann immer Menschen aufeinandertreffen, kommunizieren sie auf unterschiedliche Art und Weise miteinander. Unter zwischenmenschliche Kommunikation fällt neben der verbalen Kommunikation, die sich der Sprache bedient, auch die nonverbale Kommunikation über Mimik, Gestik, Blickkontakt und körperliche Bewegung sowie paraverbale Kommunikation über die Art und Weise des Gesprochenen. Darunter fallen beispielsweise die Ausdrucksweise, die Betonung sowie die Lautstärke des gesprochenen Wortes. Eine gelungene Kommunikation hilft, andere Menschen zu verstehen und ermöglicht, sich mit ihnen auszutauschen. Des Weiteren befähigt eine gelungene Kommunikation, mit Patientinnen und Patienten sowie Bewohnerinnen und Bewohnern pflegerische Massnahmen zu besprechen, sie aktiv in den Behandlungsverlauf mit einzubeziehen und so ihre Adhärenz zu fördern.
Erfolgreiche Kommunikation hat somit einen positiven Einfluss auf die Zufriedenheit sowie auf das Outcome der kranken und pflegebedürftigen Menschen und stellt folglich ein Kriterium der Pflegequalität dar. Im Weiteren unterstützt Kommunikation den Austausch im interprofessionellen Team und begünstigt die Zusammenarbeit.

Kommunikation schafft Orientierung

Ein stationärer Aufenthalt stellt für viele Patientinnen und Patienten sowie für Bewohnerinnen und Bewohner eine ungewohnte, befremdliche Situation dar: Die nicht vertraute Umgebung an sich, die Situation, sich in ein Spital oder ein Heim zu begeben und der Umstand, das vertraute Umfeld zu verlassen, stellen hohe Anforderungen an die alten und/oder kranken Menschen.
Auch die Hilfe und Unterstützung der Spitex anzunehmen sowie den Zutritt ins Eigenheim zu gewähren, ist für Viele eine Herausforderung, der sie mit Angst und Unsicherheit begegnen. Häufig kommt hier ein, durch die Krankheit oder das Alter bedingter Unterstützungsbedarf – beispielsweise bei der Körperpflege oder bei Mobilisation – hinzu.
Eine Person, die im bisherigen Leben selbstbestimmt und unabhängig gelebt hat, erfährt nun eine Abhängigkeit gegenüber eines Systems. Der Alltag der Pflegebedürftigen wird beispielsweise häufig bei der Vorgabe der Essens-, Aufsteh-, Nacht und Besuchszeiten durch die Institution fremdbestimmt.
Die Pflegebedürftigen befinden sich in einer für sie vollkommen unbekannten, fremden Welt, in der autonome Entscheidungen nur noch im Rahmen des Systems möglich sind. Bei vielen Patientinnen/Patienten und Bewohnerinnen/Bewohnern entsteht das Gefühl, vom vorgegebenen System und der Willkür der betreuenden Pflegefachperson abhängig zu sein. Dies kann Unsicherheit, Angst und Aufregung auslösen, da sich die betroffene Person in einer herausfordernden Situation befindet. In der Wissenschaft wird dieser Zustand als Trance beschrieben. Dabei zeigen sie einen aussergewöhnlichen Bewusstseinszustand in Verbindung mit einer fokussierten Aufmerksamkeit, mehr bildhaftem, als rationalem Verständnis, was sie besonders empfänglich für jede Art der Kommunikation macht. Es tritt eine Sensibilität gegenüber positiver und negativer Suggestion auf. Dieses Phänomen wurde beispielsweise für den Bereich Anästhesie untersucht (vgl. Hansen & Bejenke, 2010, S. 199– 206).

Suggestion und deren Bedeutung

Der Begriff Suggestion kommt aus dem Lateinischen sugerere und bedeutet so viel, wie unterschieben und eingeben. Unter der englischen Bezeichnung to suggest wird etwas vorschlagen oder etwas anbieten verstanden. Unter Suggestion fallen das Beeinflussen des Denkens, Fühlens, Wollens oder Handelns einer Person. Die Empfänglichkeit eines Menschen gegenüber Suggestion ist abhängig von seiner Denk- und Urteilsfunktion sowie seiner Selbstständigkeit – also letztendlich durch seine individuelle Persönlichkeitsstruktur. Weiter zeigt sich ein Zusammenhang mit dem Alter sowie dem Geschlecht der Person (vgl. Dorsch, 2017).
Suggestionen stellen demnach eine Art dar, wie Kommunikation wirkt. Sie sind im Kontakt mit Pflegebedürftigen allgegenwertig. Häufig wird der Begriff Suggestion mit Hypnose assoziiert, da Suggestion als zentraler Kommunikationsweg in der Hypnose gilt (vgl. Kossak & Zehner, 2011, S. 14–15). Tatsächlich wird Suggestion heute in der Anästhesie und Zahnmedizin sowohl über Wörter, Wortfolgen, als auch über Bilder und Vorstellungen bereits eingesetzt. Dabei soll Suggestion keineswegs als eine manipulative Handlung betrachtet werden, sondern vielmehr als ein Angebot seitens der Pflegfachperson, das der Patient, die Patientin annehmen kann, es allerdings nicht muss.

Unterschied zwischen positiver und negativer Suggestion

Generell wird zwischen positiver und negativer Suggestion unterschieden. Negativsuggestion umfasst jede Art der Kommunikation, die im negativen Sinne auf die momentane Situation, die Zukunft oder die Vergangenheit eingreift und diese Situation negativ verstärkt. Sie kann einen unerwünschten Einfluss auf die Genesung und auf das Outcome des Pflegebedürftigen nehmen: Negativsuggestion kann zu Unwohlsein, Unverständnis, Angst und Verzweiflung führen. Sie sollte im Kontakt mit den Pflegebedürftigen stets vermieden werden. Positivsuggestion umfasst dagegen jede Art der Kommunikation, die die momentane, noch in der Zukunft liegende oder vergangene Situationen positiv verstärkt. Beispielsweise könnte bei der Mobilisation eines Pflegebedürftigen gesagt werden: «Ich werde Sie bei der Mobilisation unterstützen und hierbei auf Ihre Sicherheit achten. Sie werden sich von Tag zu Tag sicherer fühlen und immer weniger Unterstützung durch mich benötigen». Dies schafft bei den Pflegebedürftigen Wohlbefinden, Sicherheit und bestärkt sie. Positivsuggestionen sollten in jeder Kommunikation mit Pflegebedürftigen verwurzelt sein (vgl. Hansen & Bejenke, 2010, S.200ff).
Die häufigsten Ausdrucksformen im Spital/Pflegeheim stellen, ohne dass sich das Personal dessen bewusst ist, Negativsuggestionen dar. Was bewirkt bei den Pflegebedürftigen beispielsweise eine Aussage wie: «Sie müssen sich keine Sorgen machen.»? Der/die Pflegebedürftige nimmt hierbei einzig das Wort Sorge wahr. Besser wäre beispielsweise die Aussage: «Meine Kollegin und ich werden Sie gut betreuen, so können wir jede Veränderung sofort erkennen und handeln.»
Bei einem Verbandswechsel könnte zur Vorbereitung des Pflegebedürftigen auf das Ereignis geäussert werden: «Das kann jetzt etwas brennen…». Eine (bessere) Alternative hierfür könnte beispielsweise lauten: «Ich reinige Ihre Wunde, damit wird eine optimale Voraussetzung für eine gute Wundheilung geschaffen.» Beim Positionswechsel einer im Bett liegenden pflegebedürftigen Person wird dies oft wie folgt kommuniziert: «Sie brauchen keine Angst zu haben, ich bin da und werde schauen, dass Sie nicht aus dem Bett fallen.» In dieser Situation könnte auch gesagt werden: «Beim Positionswechsel werde ich Ihnen den Bettschutz hochmachen, Sie können sich daran festhalten und fühlen sich sicherer.»
Ein weiteres Beispiel für eine Negativsuggestion gegenüber eines/einer unsicheren Pflegebedürftigen, welche/r beispielsweise eine pflegerische Massnahme ablehnt, könnte wie folgt zum Ausdruck kommen: «Sie können froh sein, dass es Ihnen so gut geht.» Sicher würde dem Patient, der Patientin die folgenden Worte eher helfen: «Sie haben großes Glück, Ihre Symptome bilden sich zurück. Jetzt führe ich mit Ihrer Hilfe Massnahmen durch, damit es Ihnen jeden Tag besser geht und Sie noch lange gesund bleiben.»
Eine Neutralisierung einer negativen Aussage ist durch eine Verneinung nicht möglich, die Aussage bleibt trotz der Verneinung negativ konjungiert. Aussagen wie: «Sie werden den Stich fast nicht bemerken», «Das wird nicht sehr brennen.» oder «Sie werden den Druck kaum wahrnehmen.» bewirken bei dem Patienten, der Patientin eher eine Fokussierung auf die Worte Stich, brennen und Druck.

Unbewusste Suggestion

Negativsuggestionen werden den Pflegebedürftigen häufig neben der verbalen Kommunikation auch nonverbal oder paraverbal vermittelt. Ein Beispiel hierfür könnte sein: Dass die Pflegefachperson während der verbalen Kommunikation mit dem Pflegebedürftigen, der Pflegebedürftigen in den Computer blickt, um gleichzeitig die Pflegemassnahmen zu dokumentieren. Dies kann soviel suggerieren wie: «Ich habe im Moment keine Zeit für Sie.», oder «Ihre Aussage ist nicht wichtig.»

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Suggestion im pflegerischen Alltag eine massgebliche Rolle spielt. Positive Kommunikation wirkt sich direkt auf die Zusammenarbeit von Pflegebedürftigen und Pflegefachpersonal aus, schafft Vertrauen und Sicherheit in herausfordernden und komplexen Situationen und kann den Genesungsprozess massgeblich fördern. Dies sollte den Pflegenden in ihrer täglichen Arbeit stets bewusst sein und durch ein reflektiertes Sprechen und Handeln zum Ausdruck kommen.

 

Quellen

Bartens, W. (2013). Das sieht aber gar nicht gut aus: Was wir von Ärzten nie wieder hören wollen. München: Pantheon.

Dorsch (2017). Lexikon der Psychologie: Suggestion. Online unter https://portal-hogrefe- com.ubproxy.ub.uni-heidelberg.de/dorsch/suggestion-1/ 

Hansen, E. & Bejenke, C. (2010). Negative und positive Suggestionen in der Anästhesie: Verbesserte Kommunikation mit ängstlichen Patienten bei Operationen. Der Anaesthesist 59 (3), DOI: 10.1007/s00101-010-1679-9.

Hausmann, C. (2005). Psychologie und Kommunikation für Pflegeberufe: Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. Wien: Facultas.

Kossak, H.-C. & Zehner, G. (2011). Hypnose beim Kinder-Zahnarzt. Verhaltensführung und Kommunikation. Heidelberg: Springer.

Rogall, R. (2005). Professionelle Kommunikation in Pflege und Management: Ein praxisnaher Leitfaden. Hannover: Schlütersche Verlag.

 

Maria Heinlein | cand. BA Pflegepädagogik, Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen am Rhein; Pflegefachperson; Honorarlehrkraft, Akademie für Gesundheitsfachberufe d.Universitätsklinikums Heidelberg; Praktikantin Careum Weiterbildung

 


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