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In Beziehung treten – Luxus oder Notwendigkeit?

05.06.2019, 0 Kommentare

Sie ahnen es schon: Wir von Careum Weiterbildung meinen diese Frage rhetorisch. Lesen Sie hier die Begrüssungsrede von Regine Strittmacher, die mit ihren Worten die Teilnehmenden des 3. Careum Pflegesymposiums in Aarau herzlich begrüsste.

Von Dr. Regine Strittmatter

Beziehung ist das halbe Leben – mindestens. Am Lebensanfang sogar das ganze. Ohne Beziehung kein neues Leben und für das Neugeborene kein Überleben. Dann werden wir gross und eigenständig und selbstbestimmt. Und dieses gross und eigenständig und selbstbestimmt ist - manchmal erschreckend und manchmal herzerwärmend - immer noch stark bestimmt von anderen. In all unseren Autonomiebestrebungen müssen wir uns immer auf Wissen stützen, das durch andere erzeugt wurde, sagt die Ethikerin Maria Sybille Lotter. Für niemanden gibt es eine Perspektive aus dem Nirgendwo und ohne Gegenüber.

Wir werden unser Leben lang geprägt von Menschen und wir prägen Menschen. Andere sind der Spiegel, in dem wir uns kennenlernen, reflektieren und entwickeln - bis ans Lebensende. Es gibt kein Entrinnen aus der sozialen Bezogenheit.


Beziehungen sind geprägt von der Kompetenz und dem Bedürfnis Hilfe zu geben und Hilfe anzunehmen. Nur schon die subjektive Einschätzung potentiell soziale Unterstützung erhalten zu können, ist ein hochwirksamer Einflussfaktor auf Wohlbefinden, Gesundheitsverhalten, chronisches Stresserleben, auf die Häufigkeit körperlicher Beschwerden und Krankheiten, auf Depression und auf das Mortalitätsrisiko. Das aktuelle Gesundheitsmonitoring der Robert-Koch-Stiftung in Deutschland mit über 23.000 Teilnehmenden hat unzählige Studienergebnisse zur sozialen Unterstützung ein weiteres Mal eindrucksvoll bestätigt.

Umso erstaunlicher ist, dass dieser Wirkfaktor in der Gesundheits-Fachwelt auch heute im besten Fall als Placeboeffekt diskriminiert wird. Und umso wichtiger, dass es genügend Health Professionals gibt, die eine professionelle Auseinandersetzung mit dem Wirkfaktor Beziehung einfordern.


Beziehung ist mindestens das halbe Leben. Und wie immer, wenn etwas zutiefst menschlich ist, sind auch die Herausforderungen und Probleme nicht weit.

Beziehungsgeschichten machen viel Gesprächsstoff auf beiden Seiten der Medaille. Die misslungenen nehmen dabei überdurchschnittlich Raum ein, versalzen das Leben, können als Reibungsfläche stattliche Schürfwunden und Narben hinterlassen. Die gelungenen wärmen und nähren uns, machen alles bunter, leichter, lustiger, lassen uns phasenweise euphorisch oder abgedreht schweben und tragen uns durchs Leben – gerade selbst dann, wenn dieses unsanft mit uns umgeht.

Auch im professionellen Alltag sind Beziehungsgeschichten raumgreifend. Erfahrungsgemäss sind es die schwierigen, entmutigenden, Ärger auslösenden Begegnungen, die unsere Aufmerksamkeit beanspruchen.


Im professionellen Kontext fordert Beziehungsgestaltung jedoch gewisse Extras, Supplements. Die Betonung liegt dabei auf dem Wort Professionell:

  • Da gibt es einen Auftrag, der durch die beteiligten Menschen, Organisationen und durch strukturelle Bedingungen definiert ist und die Beziehung mit bedingt.
  • Ich helfe lieber und besser, wenn ich jemanden mag? Ich opfere mich auf für jemanden, obwohl ich ihn eigentlich auf den Mond schiessen könnte? Gilt nicht im professionellen Kontext: Ich kann mich nicht einfach aus der Beziehung verabschieden, ob ich das Gegenüber nun sympathisch finde oder nicht. Und es geht ganz bestimmt auch nicht um Aufopferung und Märtyrerinnentum in der professionellen Pflege.
  • Umgekehrt, muss ich mich in meiner Pflegearbeit dauernd aus Beziehungen verabschieden, ob ich will oder nicht.
  • In und durch Pflege entstehen Abhängigkeiten; und die Abhängigkeit von professioneller Unterstützung ist überhaupt nur der Grund, in Beziehung zu treten. Professionelle Beziehungen brauchen deshalb als Korrektiv immer die explizite Auseinandersetzung mit dem Aspekt der Macht und Ohnmacht, den sensiblen Umgang mit Abhängigkeiten.
  • In der Frage der Beziehungsgestaltung prallen Emotionalitäten und Rationalitäten aufeinander, die professionell integriert werden müssen im beruflichen Handeln zum Nutzen des Patienten, der Bewohnerin oder des Klienten.


Für mich ist das wichtigste Supplement in der professionellen Beziehung, dass wir sie als Heilmittel einsetzen können. Menschen bekommen in der Pflege die notwendige Dosis an Empathie, Respekt, Ermutigung, Befähigung und Anerkennung. Selbst wenn eine Erkrankung nicht heilbar ist, liegt in der Begegnung mit den Pflege- und Beziehungsprofis die Chance auf Heilsames. In diesem Satz steckt ein grosser Auftrag. Als ob die Anforderungen nicht schon umfangreich genug wären. Umso mehr braucht es gute Beziehungsarbeit mit sich selbst, im Team und in der Organisation, damit heilsame professionelle Beziehungen gestalten werden können.

 

Dr. Regine Strittmatter | Psychologin FSP | Geschäftsleiterin, Careum Weiterbildung

 


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