Careum FachNews

Case Management als personorientiertes Handlungskonzept

30.04.2019, 0 Kommentare

Ob in der Schweiz, in Österreich oder in Deutschland, ob im Krankenhaus, in der Sozialhilfe, der beruflichen Wiedereingliederung, der Behindertenhilfe oder der Altenpflege … Case Management hat Konjunktur – und das aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Von Michael Monzer

(Quelle: Photo on Visualhunt)

Häufig kommen die ersten Impulse für Veränderungen im Gesundheitswesen aus der Politik, die durch gesetzliche Vorgaben von den Organisationen neue Steuerungsanstrengungen fordert. Krankenhäuser sollen beispielsweise mittels Fallpauschalen kürzere Liegezeiten erzielen oder Versicherungen die Absenzen von Arbeitnehmenden reduzieren. Gleichzeitig soll der Einzelfall nicht ausser Acht gelassen werden. Dies stellt die Verantwortlichen vor grosse Herausforderungen, denen mit entsprechenden Konzepten begegnet werden muss.


Komplexe Beratungs- und Unterstützungsprozesse konsequent aus der Perspektive des Einzelfalls gestalten

Was die Politik auf der «Makroebene» vorgibt, verhält sich allerdings auf der «Mikroebene», bei der es um die konkreten Fälle der betroffenen Menschen geht, oftmals völlig anders. Menschen und deren Fälle lassen sich nicht ohne Weiteres «steuern» und deshalb geraten die Krankenhäuser, die Ämter, die Versicherungen und die zuständigen Fachpersonen gerade bei diesen Fällen an ihre Grenzen. Und genau an diesen Grenzen setzt das Case Management an, indem es sich den Menschen mit ihren Fällen verpflichtet, die sich in den vorgegebenen Ordnungen und Regelangeboten nicht ohne Unterstützung zurechtfinden. Dazu muss sich das Case Management offen auf alle Lebenslagen einlassen, die Menschen, wenn notwendig begleiten und sich gegebenenfalls auch in die Unterstützungsprozesse anderer professioneller Dienste koordinierend einmischen.

Was sich auf den ersten Blick wie eine zusätzliche Hilfe für besonders herausfordernde Fälle anhört, ist weit mehr als dies und oftmals sogar der erste Anstoss für notwendige Innovationen. Das Case Management als systemisches Konzept übernimmt genau diese anspruchsvolle Funktion und dient dabei den Menschen und gleichzeitig den Organisationen.


Bedeutende Zusammenhänge zwischen Fall- und Systemsteuerung

Weil die öffentlichen Organisationen den Menschen dienen sollen und nicht umgekehrt, rückt Case Management zunächst den einzelnen Menschen konsequent in den Mittelpunkt und schafft so neue Perspektiven und Lösungen. So erfordern komplexe Fälle häufig auch komplexe Vorgehensweisen, auch dann, wenn dies in der zuständigen Hilfe nicht ohne weitere Umstände möglich ist oder zusätzliche Aufwände erfordert. Erst diese Priorisierung schafft die Voraussetzung dafür, dass besonders in den Versorgungsbereichen, die von gesellschaftlichen Veränderungen betroffen sind, wie z. B. die Unterstützung alter Menschen, neue Impulse entstehen. Mit der Haltung der «Adressatenorientierung» richtet sich Case Management daran aus, den versorgungsbedürftigen Menschen die Kontrolle über das eigene Leben zu ermöglichen und zu erhalten. Um dies zu verdeutlichen kann die Annahme über den ärztlich assistierten Suizid herangezogen werden, die davon ausgeht, es ginge den sterbenden Menschen mit ihrer Bitte um Unterstützung im Eigentlichen gar nicht um eine sofortige Beendigung ihres Lebens. Vielmehr kann angenommen werden, sie wünschen sich nach einer langen Folge von Kontrollverlusterfahrungen im Umgang mit ihrer Situation, wie sie in den Abläufen der beteiligten Versorgungssysteme üblich sind, letztlich die Erfahrung von Selbstwirksamkeit oder eben das Wiedererlangen von Kontrolle. In diesem Sinne übernimmt Case Management im Bereich palliativer Versorgung die Absicherung des ärztlichen, pflegerischen und sozialarbeiterischen Rahmens, sodass die Menschen mit ihren An- und Zugehörigen die wichtige Zeit mit und für sich gestalten können, ohne ständig all das organisieren zu müssen, was Krankheit und Sterben heute bedeuten.


Case Management bietet neue Funktionen und Kompetenzen für die Fachpersonen im Sozial- und Gesundheitssektor

Mit diesem Anspruch ausgestattet muss Case Management auch praktisch – und hier vor allem methodisch – andere Wege gehen. Ganz entscheidend ist das Auffinden jener Fälle, die ohne Unterstützung in den Regelhilfen verlorengehen. So verfügen Case Managementorganisationen über Kriterien und Wege gerade diese Fälle zu «finden», die im täglichen Betrieb untergehen. Die Organisationen sind aber auch methodisch dafür ausgestattet mit komplexen Fällen so zu arbeiten, dass ihre Vielfältigkeit nicht vorschnell reduziert, sondern abgebildet wird. Diese Kunstfertigkeit erfordert von den Case Managern und Case Managerinnen nicht nur handwerkliches Geschick, sondern manchmal auch die Fähigkeit, gegen den Druck einfache Lösungen zu entwickeln, auf ihr professionelle Einschätzung vertrauen und beharren zu können. Deshalb benötigen Case Manager und Case Managerinnen eine reflexive Professionalität und die Fähigkeit die am Fall Beteiligten durch eine ausgewogene Moderation so auf den Fall zu beziehen, dass tatsächlich einzelfallspezifische Lösungen entwickelt und umgesetzt werden. Vor allem im Umgang mit langfristigen Unterstützungsprozessen erfordert dies eine fortwährende Aufmerksamkeit und eine ausgewiesene Methodenkompetenz. Das dazu nötige Fachwissen kann in Weiterbildungen erworben und im Zusammenspiel mit den praktischen Herausforderungen angewendet werden. Diese Kombination führt zum Aufbau und zur Erweiterung der genannten Kompetenzen.

Organisationen, die sich Case Management leisten, brauchen einen langen Atem. Durch das Einlassen auf komplexe und in einander verwobene Fälle verfügen sie allerdings über ein hohes Innovationspotenzial, das sie nicht nur nach neuen Wegen suchen lässt, sondern auch Kooperationen fördert, die heute die wesentlichen Promotoren für effektive und effiziente Unterstützungsleistungen sind.

 

Weiterführende Literatur

Case Management (ab 2005). Fachzeitschrift. Zugleich Organ der DGCC, Schweizer Netzwerk Case Management, ÖGCC. Heidelberg: medhochzwei Verlag GmbH.

Deutsche Gesellschaft für Care und Case Management e.V. (Hrsg.) (2015). Case Management Leitlinien, Rahmenempfehlungen, Standards und ethische Grundlagen. Heidelberg: medhochzwei Verlag GmbH.

Kollak, I. & Schmidt, S. (2016). Instrumente des Care und Case Management Prozesses. Berlin, Heidelberg: Springer.

Monzer, M. (2018). Case Management Grundlagen. 2., überarb. Auflage. Heidelberg: medhochzwei Verlag GmbH.

Monzer, M. (2018). Case Management Organisation. Heidelberg: medhochzwei Verlag GmbH.

Neuffer, M. (2009). Case Management. Soziale Arbeit mit Einzelnen und Familien. 4. Aufl. Weinheim: Juventa.

Wendt, W.R. (2014). Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen. Eine Einführung. 6., akt. Auflage, Freiburg im Breisgau: Lambertus.

Wendt, W.R. & Löcherbach, P. (Hrsg.) (2017). Case Management in der Entwicklung. Stand und Perspektiven in der Praxis. 3., neu bearb. und erweit. Auflage. Heidelberg: medhochzwei Verlag GmbH.

 

Prof. Dr. Michael Monzer | Diplom-Psychologe, Case Management-Ausbilder (DGCC) für die zertifizierte Weiterbildung nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management (DGCC) | Dozent Careum Weiterbildung


Kommentare

Diskutieren Sie mit

Bitte folgenden Code im Feld eintragen: 07794
* = bitte ausfüllen