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Soziale Beziehungen – was wären wir ohne sie?

08.03.2019, 0 Kommentare

Der Kontakt zwischen Menschen – unabhängig davon, ob beruflich bedingt oder privat gewählt – wird häufig als Beziehungsarbeit beschrieben. Welche Bedeutung soziale Beziehungen haben, lesen Sie hier.

Von Elke Steudter

 

 

(Quelle: Photo Shutterstock)

Anfang letzten Jahres liess eine Meldung in den Nachrichten aufhorchen: In England gibt es nun ein Ministerium für Einsamkeit. Was auf den ersten Blick vielleicht befremdend wirkt, erweist sich beim genauen Hinsehen als häufige Realität in den sogenannten modernen Gesellschaften: viele Menschen fühlen sich einsam. Und dieses Gefühl ist längst nicht mehr nur den alten Menschen vorbehalten. Werden also soziale Beziehungen immer wichtiger? Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der die Ich-Bezogenheit immer grösser zu werden scheint und Freunde und Familie in den social media gelikt werden – oder eben nicht. Es lohnt sich also, einmal genauer hinzuschauen.

Alleinsein muss nicht Einsamkeit bedeuten
Laut Angaben des Bundesamtes für Statistik wurden Ende 2017 über ein Drittel der Schweizer Haushalte von Einzelpersonen geführt. Die Zahl der Alleinlebenden hat sich von 1930 bis 2017 verachtfacht. Wer nun denkt, dass diese Single-Haushalte vor allem in den Städten zu finden sind, der irrt. Und noch ein anderer Schluss darf nicht vorschnell gezogen werden: Menschen die alleine sind fühlen sich nicht zwangsläufig auch einsam. Denn die Einsamkeit ist nicht primär an die An- oder Abwesenheit von anderen Menschen gebunden, sondern vielmehr daran, ob sich Menschen von anderen beachtet, anerkannt und gebraucht fühlen. John Cacioppo, der Leiter des «Zentrums für kognitive und soziale Neurowissenschaften» an der Universität Chicago beschäftigt sich schon lange mit dem Phänomen Einsamkeit. Er untersucht, welche Auswirkung sie auf Betroffene hat und was dabei im Gehirn geschieht. Cacioppo ist der Meinung, dass Einsamkeit nur die Spitze des Eisbergs sei. Der grösste Teil dieses Prozesses liege im Verborgenen und der Mechanismus, der letztendlich zur Einsamkeit führe, gestaltet sich sehr viel umfassender und tiefer, als sich zunächst ahnen lässt. Und in diesem Prozess spielen soziale Beziehungen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Wissenschaft beschäftigt sich noch nicht sehr lange mit dem Phänomen des menschlichen Miteinanders. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts tauchte der Begriff «social relationship» erstmals in der US-amerikanischen psychologischen Literatur auf.

Beziehungsarbeit in der Pflege – Luxus oder Notwendigkeit?
Positive Beziehungen haben einen Effekt auf die Gesundheit. Dies konnte eine Studie aus dem Jahr 2016 für den Kanton Zürich zeigen. Und John Cacioppo berichtet, dass Beziehungen zu positiven (Hirn-) Veränderungen führen. Dann liegt es doch nahe, dass dem Beziehungsaspekt gerade in den Gesundheits-, Pflege- und Sozialberufen mehr Raum gegeben werden sollte. Aber Beziehungen baut man nicht eben mal nebenher auf. Beziehungsarbeit verlangt Zeit, Raum und Austausch. Verlangt das wertschätzende, offene Zugehen aufeinander. Nicht nur in der Arbeit mit Patienten und Patientinnen, sondern auch mit Mitarbeitenden, Kollegen und Kolleginnen.

 

Die vier Phasen sozialer Beziehungen
Jede Beziehung verläuft nach einem bestimmten Schema, das sich in vier Phasen unterteilen lässt:

  • Entstehen: erster Kontakt, Anbahnung, Erkennen von Gemeinsamkeiten, Festlegen des Beziehungszwecks
  • Festigen und Aufrechterhalten: Vertrauensaufbau, gegenseitige Wertschätzung und Respekt
  • Gestalten und Verbessern: Grenzen und Prozesse erkennen, Alltagstauglichkeit prüfen, Hürden und Herausforderungen meistern
  • Beenden: sich lösen, verabschieden (vgl. Steudter, 2015)

 

Wer sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, der wird bei Rüdiger Bauer mit seinem Buch «Beziehungspflege» fündig. Rüdiger Bauer ist übrigens einer der vielen interessanten Referierenden am 3. Careum Pflegesymposium, das am 4. Juni 2019 in Aarau stattfindet. Weil Beziehungen und pflegerische Beziehungsarbeit so facettenreich und vielfältig sind, widmen wir dem Thema eine eigene Tagung.

Beziehungen gestalten und fördern
Pflegende tragen einen ganz wesentlichen Anteil an der Beziehungsgestaltung und -förderung von alten und/oder kranken Menschen. Allzu oft wird diesem wichtigen Teil des pflegerischen Könnens und der pflegerischen Kompetenz aber die nötige Aufmerksamkeit gewährt. Dabei stützen sich die moderne Pflege und die Pflegewissenschaft auch heute noch auf Grundlagen, die in verschiedenen Pflegetheorien zum Thema Beziehung entwickelt wurden.

Die vier Phasen der Beziehung zwischen Patient/Patientin und Pflegenden nach Hildegard Peplau

  • Orientierungsphase
  • Identifikationsphase
  • Nutzungsphase
  • Ablösungsphase (vgl. Scheydt, 2015)

 

Verwiesen sei hier beispielsweise auf Hildegard Peplaus «Theorie der interpersonellen Beziehung in der Pflege» ebenso wie auf Jean Watson mit ihrem Werk «Pflege: Wissenschaft und menschliche Zuwendung». Mit dem Konzept des Carings – eben jener Fähigkeit, eine zugewandte Beziehung mit Patienten und Patientinnen einzugehen – erlebt die menschliche Zuwendung gerade eine Art Comeback in der Pflege. Auch in der familienzentrierten Pflege (unter anderem mit dem Ökogenogramm) spielen soziale Beziehungen eine grosse Rolle, z. B. im Bewältigungs- und Unterstützungsprozess im Alter oder bei Krankheit.

Unabhängig um welche Art von Beziehung es sich handelt, stets geht es darum, sie aktiv zu gestalten. Damit dies gelingen kann, greifen Menschen auf ihre bisherigen Beziehungserfahrungen zurück. Hier wird die Verantwortung, die Pflegenden in der Beziehungsgestaltung zukommt, deutlich. Denn je besser die Erfahrungen, die Patienten und Patientinnen in der Begegnung mit den Fachpersonen machen, umso besser kann eine vertrauensvolle und tragfähige Beziehung aufgebaut werden.

 

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Welchen Stellenwert hat die Beziehungsgestaltung in den Pflege- und Sozialberufen heute?

 

Literatur

Bauer, R. (2018). Beziehungspflege. Kongruente Beziehungsarbeit für Pflege-, Sozial- und Gesundheitsberufe. 3. Auflage. Bern: Hogrefe Verlag.

Cacioppo, J. (2008). Loneliness. New York: Norton & Company.

Hax-Schoppenhorst, T. (2018). Das Einsamkeitsbuch. Bern: Hogrefe Verlag.

Heidbrink, H., Lück, H.E. & Schmitdtmann, H. (2009). Psychologie sozialer Beziehungen. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.

Scheydt, S. (2015). Zwischenmenschliche Beziehungen in der Pflege – die Theorie von Hildegard Peplau. NOVACura, Heft 4, 12–13.

Steudter, E. (2015). Die gelungene Beziehung – Voraussetzung für gute Pflege. NOVACura, Heft 4, 6–8.


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