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Fatigue – mehr als nur müde sein

28.08.2018, 0 Kommentare

Alte und pflegebedürftige Menschen fühlen sich häufig sehr müde und erschöpft. Welche Konsequenzen dies für die Betroffenen und die Pflege hat lesen Sie hier.

Von Elke Steudter

Abb. 1: Ein sehr sehr schlechter Tag (Quelle: Photo Visual Hunt)


Als Fatigue wird das subjektive Gefühl einer anhaltenden, ausserordentlichen Müdigkeit und Erschöpfung bezeichnet, das sich auch nach ausgiebigen Ruhe- und Schlafphasen nicht bessert. Lässt sich die Müdigkeit eines gesunden Menschen mit Schlafmangel erklären, präsentiert sich die Fatigue sehr viel komplexer. In der Pflege wird sie meist mit der Onkologie in Verbindung gebracht. Dabei leidet eine Vielzahl anderer Erkrankter ebenfalls an dieser lähmenden Müdigkeit. Dazu zählen Menschen mit chronischen Krankheiten, z. B. Multiple Sklerose, koronare Herzkrankheit oder Niereninsuffizienz. Häufig tritt die Fatigue auch bei Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen auf. Unabhängig davon, an welcher Grunderkrankung die Betroffenen leiden – die Fatigue wird leider häufig nicht oder zu spät entdeckt und behandelt. Dies mag auch darin begründet sein, dass sich das Symptom der krankhaften, subjektiv belastenden Müdigkeit nicht auf den ersten Blick von ihrer alltäglichen Erscheinungsform unterscheiden lässt. Denn normalerweise hat die Müdigkeit eine wichtige Schutzfunktion: sie signalisiert, dass der Mensch körperliche und geistige Ruhe benötigt.


Welche Auswirkungen hat Fatigue?

Die Fatigue ist ein mehrdimensionales Geschehen das sich körperlich, psychisch, kognitiv und sozial auswirkt (vgl. Tab. 1). Sie wird in eine leichte, mittlere und schwere Form klassifiziert. Zu den wichtigsten Ursachen zählen: Kachexie, Störungen im Stoffwechsel und Hormonhaushalt, Anämie, Infekte sowie psychisch-emotionale Belastungen wie Angst, Sorgen oder Trauer. Und wie oben bereits kurz erwähnt Herz-, Nieren- oder Leberinsuffizienz.

Nach dem multidimensionalen Konzept von Agnes Glaus manifestiert sich die Fatigue physisch, affektiv und/oder kognitiv. Viele Betroffene fühlen sich abgeschlagen und energielos. Nicht selten berichten sie auf der körperlichen Ebene von Kopf- und/oder Muskelschmerzen. Betroffene beschreiben sich als antriebs- und interessenlos. Dies wirkt sich auf ihre sozialen Aktivitäten und wichtige Kontakte aus. Kognitiv zeigt sich die Fatigue durch Konzentrations- und Gedächtnisprobleme. Gerade diese Vielschichtigkeit kann dazu beitragen, dass die Fatigue von Pflegefachpersonen unerkannt bleibt. Denn zum einen umschreiben die Betroffenen das Symptom wie oben geschildert mit anderen Worten, zum anderen drängen sich vielfach andere Symptome (z. B. Schmerz, Angst) in den Vordergrund. Auch das Bewusstsein, dass die Fatigue nicht nur bei onkologischen Patientinnen und Patienten auftreten kann, sondern dass beispielsweise viele Medikamente eine Fatigue verursachen, muss in der Pflegepraxis noch gefördert werden.


Tab. 1: Fatigue - Dimensionen und Erscheinungsformen

 Dimension der Fatigue  Erscheinungsform, berichtete Symptome
 körperlich  verminderte Leistungsfähigkeit, Abgeschlagenheit, Schwäche
 emotional  Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Energieverlust
 kognitiv  Konzentrations- und Gedächtnisstörung, verlangsamtes Denken
 sozial  sozialer Rückzug
 spirituell  Gefühl, wertlos zu sein



 

 

 

 


Wie erkennt man Fatigue?

In erster Linie sollte bei chronisch und schwerkranken, somatisch oder psychisch betroffenen Menschen ein erhöhtes Risiko einer Fatigue angenommen und das Symptom aufmerksam beobachtet werden. Inzwischen wurden für verschiedene Teilbereiche der Pflege Assessmentinstrumente entwickelt. Am einfachsten und schnellsten kommt man dem Symptom mit der Frage: «Sind Sie ungewohnt müde?» aus die Spur. Wird dies bejaht, muss weiter gefragt werden, z. B. nach der Intensität der Müdigkeit. Dies lässt sich anhand einer nummerischen Ratingskala von 0 bis 10 erfassen.

Um die Fatigue im Rahmen des pflegerischen Assessments fundierter einzuschätzen, wurde die Fatigue Severity Scale entwickelt, die auch in deutscher Sprache vorliegt. Ihre Anwendung wurde in Studien für verschiedene Krankheitsbilder getestet, z. B. für Patienten mit Stroke oder Multiple Sklerose. Auch die Fatigue Assessment Scale kann genutzt werden.


Wie wird Fatigue behandelt?

Häufig leiden die von Fatigue Betroffenen daran, dass sie den geplanten Aktivitäten oder den notwendigen Verpflichtungen nicht nachkommen können. Daher sollte die Behandlung zunächst darin bestehen, die Aktivitäten an das Ausmaß der Müdigkeit anzupassen und realistische Ziele zu formulieren. Die von Fatigue Betroffenen und ihr soziales Umfeld (Angehörige, Arbeitgeber) sollten über das Symptom verständlich und umfassend informiert und aufgeklärt werden. Für Patientinnen und Patienten in der Onkologie hat die Deutsche Krebsgesellschaft entsprechende Broschüren erstellt, z. B. «Der Blaue Ratgeber Nr. 51» (Link https://www.krebshilfe.de/fileadmin/Downloads/PDFs/Blaue_Ratgeber/051_0056.pdf))

Wenn möglich sollten die auslösenden Faktoren, z. B. eine Anämie oder ein Infekt behandelt werden. Medikamente mit müde machendem Effekt sollten wenn möglich abgesetzt oder ausgeschlichen werden. Auch wenn es paradox klingen mag – Bewegung und leichte, aber gezielte körperliche Aktivität verbessern die Fatigue. Dabei ist es wichtig, die Betroffenen zu motivieren, da sie zunächst Energie aufbringen müssen, bevor sie eine Besserung der Müdigkeit spüren. Ein wichtiger pflegerischer Ansatz besteht dabei in der Förderung und der Verbesserung der Adherence. Auch eine ausgewogene Ernährung, wenn möglich in Verbindung mit sozialen Kontakten, kann die Fatigue positiv beeinflussen. Medikamentös wurden verschiedene Substanzen geprüft, nur drei konnten – allerdings nur bei Krebspatientinnen und -patienten getestet – positive Ergebnisse zeigen. Dazu gehören Steroide, Methylphenidat (ein Amphetaminderivat) und Wisconsin-Ginseng, der in der Schweiz jedoch nicht erhältlich ist. Nutzen und Nebenwirkungen der eingesetzten Medikamente gegen die Fatigue müssen sorgfältig abgewogen und mit den Betroffenen evaluiert werden.

 

Dr. phil. Elke Steudter | Pflegewissenschaftlerin | Careum Weiterbildung

 

Quellen

Deutsche Krebshilfe & Deutsche Krebsgesellschaft (2016). Fatigue. Chronische Müdigkeit bei Krebs. https://www.krebshilfe.de/fileadmin/Downloads/PDFs/Blaue_Ratgeber/051_0056.pdf (26.8.18)

Glaus, A. (2017). Fatigue. In: Steffen-Bürgi, B.; Schärer-Santschi, E.; Staudacher, D. & Monteverde, S. (Hrsg.). Lehrbuch Palliative Care. 3. Auflage. Bern: Hogrefe Verlag, 262–272.

Jungi, M. (2017). Fatigue in der Palliative Care. Schweizerisches Medizinforum, 17(6), 131–134.

Peters, M.E. et al. (2016). Fatigue and its associated psychosocial factors in cancer patients on active palliative treatment measured over time. Support Care Cancer, 24, 1349–1355.

Schulz, C. & Zapke, S. (2014). Fatigue. In: Schnell, M.W. & Schulz, C. (Hrsg.). Basiswissen Palliativmedizin. 2. Auflage. Heidelberg: Springer Verlag, 60–63.


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