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Case Management in der Arbeit mit älteren Menschen – wichtiger denn je

26.06.2018, 0 Kommentare

Der demografisch-gesellschaftliche Wandel verlangt neue Methoden und Modelle in der Gesundheits- und Sozialpolitik. Klar ist: In Zukunft werden mehr ältere Menschen betreut und gepflegt, die einen komplexen Versorgungsbedarf aufweisen. Dies erfordert professionelles Handeln und Agieren. Das fachlich standardisierte Case Management ist dafür ein wertvolles Konzept.

Von Maja Nagel Dettling & Michael Wissert

(Quelle: Photo Visual Hunt)

Das Alter verändert sich
Mit der steigenden Lebenserwartung der Bevölkerung steigt der Bedarf an Dienstleistungen für ältere Menschen. Frauen und Männer leben heute nicht nur länger, sie bleiben zum einen auch länger behinderungsfrei als frühere Generationen und zum anderen haben sie im späten Alter aber oft sehr komplexe Probleme zu bewältigen. Dies fordert die Versorgungsstrukturen des Pflege- und Betreuungsbereichs und deren Finanzierung heraus. Die Strategie «ambulant vor stationär» sieht vor, dass ältere Menschen so lange wie möglich zuhause bleiben können. Diese ist aber noch nicht soweit umgesetzt, dass die älteren Menschen zuhause bedürfnis- und bedarfsgerecht unterstützt werden können. Im Gegenteil: Die bisherigen Angebote sind zu einseitig und werden der Vielschichtigkeit des Hilfe-, Betreuungs- und Pflegebedarfs zu wenig gerecht.

Ältere Menschen profitieren vom Case Management
Die zentralen Fragen des Alters drehen sich um die Betreuung und Pflege, das Wohnen, die ambulanten Versorgung, die Prävention und Freiwilligenarbeit sowie die interprofessionelle Zusammenarbeit, vor allem bei den Informations- und Beratungsleistungen. Viele ältere Menschen sowie deren Angehörige wünschen sich einen besseren, unkomplizierten und für sie finanziell machbaren Zugang zu diesen Dienstleistungen. Die bisher überwiegend fragmentierte Versorgung und Finanzierung überfordert oft die älteren Menschen. Für viele von ihnen ist es schwierig, das Angebot zu überblicken, da es zu wenig koordiniert und vernetzt ausgestaltet ist. Die Betroffenen möchten aber bei den Fragen rund um das Alter fachgerecht beraten und unterstützt werden – und dies möglichst aus einer Hand.

Case Management ist Einzelfall- und Systemarbeit
Case Management ist ein Handlungskonzept, das in komplexen Situationen, in denen mehrere Akteure und Akteurinnen in einen Unterstützungs- und Beratungsprozess involviert sind oder zusätzlich involviert werden müssen, angewendet wird. Im Mittelpunkt steht die individuelle, am Einzelfall orientierte Arbeit mit den Klientinnen und Klienten. Da mehrere Leistungserbringenden aus dem Gesundheits-, Sozial- und Versicherungsbereich an Prozess beteiligt sind, müssen diese gut koordiniert werden. Dies setzt eine professionelle Handlungsmethode voraus. Mit einem fachlich kompetenten Case Management kann den anspruchsvollen Koordinations- und Supportaufgaben angemessen und effektvoll begegnen werden.

 

Das Netzwerk Case Management Schweiz definiert Case Management wie folgt: «Case Management ist ein Handlungskonzept zur strukturierten und koordinierten Gestaltung von Unterstützungs- und Beratungsprozessen im Sozial-, Gesundheits- und Versicherungsbereich. In einem systematisch geführten, kooperativen Prozess werden Menschen in komplexen Problemlagen ressourcen- und lösungsorientiert unterstützt und auf den individuellen Bedarf abgestimmte Dienstleistungen erbracht. Die Erreichung gemeinsam vereinbarter Ziele wird angestrebt. Case Management will Grenzen von Organisationen und Professionen überwinden und eine organisationsübergreifende Steuerung des Unterstützungsprozesses gewährleisten. Dazu werden Netzwerke initiiert und gepflegt. Case Management respektiert die Autonomie der Klientinnen und Klienten, berücksichtigt die Anforderungen des Datenschutzes und nutzt und schont die Ressourcen im Klient- sowie im Unterstützungssystem. Die bedarfsbezogene Weiterentwicklung des Versorgungsangebotes wird gefördert.» (CM Netzwerk CH, 2014: 5).

 

Kernelemente & Methode
Ein wirksames Case Management zeichnet sich durch die kontinuierliche Steuerung des ganzen Prozesses aus und beinhaltet mehrere Kernelemente: die eigentliche Methode, spezielle Grundfunktionen, die Handlungsprinzipien sowie eine Palette von unterschiedlichen Anwendungsstrategien von stark klientenorientierten (z. B. in der Palliative Care) bis zu sehr ökonomisch ausgerichteten Ansätzen (z. B. im Managed Care).
Im Einzelnen umfasst eine gut entwickelte Case Management Methode sieben Schritte, die vereinfacht als Regelkreis oder linearer Ablauf dargestellt werden können: Es beginnt mit der Kontaktaufnahme, geht über die Triagierung und das Intake, dem Assessment und weiteren Schritten bis zur abschliessenden Entpflichtung und evaluierenden Nachsorge. Dieser Ablauf des Case Managements muss in der Fallsteuerung immer eingehalten bzw. es muss fachlich begründet werden, wenn einzelne Schritte nicht oder nicht mehr durchgeführt werden (vgl. Abb. 2).

 


Abb. 2: Case Management Methode (Wissert, 2017)

 

In diese Schritte sind spezifische Grundfunktionen des Case Managements eingelagert (Gate Keeper, Broker, Advocacy, Support), die gekonnt erfüllt sein müssen. Das Case Management ist dabei von den Handlungsprinzipien einer kontinuierlichen Prozesssteuerung mit seinen Elementen der Beratung aus einer Hand (One Desk Service), der Dienste übergreifenden Koordination (Across the Services) sowie der zeitlichen Begrenztheit (Over Time) geprägt.

Auf die Zukunft vorbereitet sein
Die Rahmenbedingungen für die Pflege und Betreuung von älteren Menschen haben sich verändert und werden sich weiter verändern. Es braucht u. a. daran angepasste Strukturen und insbesondere fundiert weitergebildete Fachpersonen mit professioneller Beratungskompetenz, die auf die verschiedenen Lebenslagen und komplexen Probleme dieser Klientinnen und Klienten reagieren und die oft zahlreichen Massnahmen und involvierten Dienstleistenden koordinieren können. Gefragt sind insbesondere die sozial-kommunikative Kompetenz, Gesprächsführung und Beratungskompetenz (Konflikte lösen), Anwendungssicherheit in den Case Management-Schritten, fachübergreifende Methodenkompetenzen und Integrationsfähigkeit. Dies kann in Weiterbildungen  erworben werden. Professionell gestaltet ist Case Management ein Handlungskonzept, das Problemsituationen individuell und zugleich auf der Systemebene gestalten und lösen kann. So trägt es zu einer verbesserten Versorgung von älteren Menschen bei. Und das ist heute und zukünftig ein wichtiges Anliegen des gesellschaftlichen Miteinanders.

Maja Nagel Dettling | RN, Sozialpädagogin (FH), Bildungs- und Organisationsberaterin, Ausbildungsleiterin, Case Managerin | Dozentin Careum Weiterbildung

Prof. Dr. phil. Michael Wissert | Dipl.-Sozialarbeiter, Dipl. Sozialpädagoge, Dipl.-Soziologe, Case Management Ausbilder (DGCC) | Dozent Careum Weiterbildung

Quellen
Case Management Netzwerk Schweiz (2014) (Hrsg.). Definition und Standards Case Management. (am 06.05.2018)
Ewer, M. & Schaeffer, D. (2005) (Hrsg.). Case Management in Theorie und Praxis, Bern: Huber Verlag.
Nagel Dettling, M. & Feurer, F. (2018). Älter werden im mittleren Zürcher Weinland. Spitex Weinland Mitte. Zentrum für Pflege & Betreuung Weinland.
Wissert, M. (2001). Unterstützungsmanagement als Rehabilitations- und Integrationskonzept bei der ambulanten Versorgung älterer, behinderter Menschen. Aachen: Karin Fischer Verlag.
Wissert, M. (2017). Einführung in die Grundlagen des Case Managements: CM als Gesamtkonzept − Handlungsschritte des Case Managements. Unveröffentlichte Unterrichtsmaterialien der Case Management Akademie McCabe zur Weiterbildung als zertifizierte/r Case Manager/in (DGCC) im Sozial- und Gesundheitswesen. Jößnitz.

 


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